Ärger um ZDF-Doku über Putin "Ich habe einfach gelogen."

Der Mann, der im ZDF "Igor" hieß, tritt mit vollem Namen als Jurij Labyskin auf und erklärt: "Ich habe einfach gelogen". Ein ZDF-Mitarbeiter habe ihm versprochen: "Du kriegst Geld, wenn Du sagst, dass im Donbass russische Soldaten kämpfen". Labyskin sitzt in einer vermüllten Wohnung und hält ein Notizbuch in der Hand, in dem mit Bleistift angeblich das Drehbuch für seinen Auftritt in der Doku notiert wurde. Daran, dass es sich bei Igor und Jurij um ein und denselben Mann handelt, besteht kein Zweifel. Der russische Sender zeigt die Aufnahmen des ZDF allerdings unbearbeitet, ohne verpixeltes Gesicht. Und er zeigt Momente vor und nach den Aufnahmen, die das ZDF ausstrahlte.

Wie die Russen an das Rohmaterial geraten sind, ist damit ebenso eine entscheidende Frage wie die, unter welchen Umständen das Material gedreht wurde. Die Behauptung von Rossija, Jurij habe eine Kopie der Bänder bekommen, hält Robert Bachem, der Leiter des Programmbereichs ZDF Info, für unwahrscheinlich. "Das ist nicht üblich. Das Material gehört de jure dem ZDF, eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen", sagt er.

Das ZDF bestreitet, dass der Ablauf geprobt und die Aussagen abgesprochen worden seien. "Aus freien Stücken und ausführlich" habe "Igor" erklärt, wie und warum er in die Ostukraine ging, heißt es jetzt auf einer Erklärung zur Dokumentation auf der ZDF-Website. Das Interview mit "Igor" hat der ZDF-Journalist Dietmar Schumann im Moskauer Studio geführt. Die Aufnahmen vom Kontrollposten aber stammen von einem freien Producer: Walerij Bobkow hat unter Moskauer Kollegen keinen guten Ruf. Er habe oft "Exklusiv-Material" aus unbekannten Quellen angeboten, viel aus den Bereich Militär und Sicherheit. Das Moskauer ZDF-Studio hat daher seit Jahren nicht mehr mit ihm zusammengearbeitet. Nur Dietmar Schumann, früher selbst als Korrespondent in Moskau, habe aus der Zeit der Tschetschenien-Kriege noch ein Vertrauensverhältnis zu ihm. Wurde dem ZDF möglicherweise eine Falle gestellt?

Das russische Fernsehen zeigte auch eine Sequenz, die auf dem Rohmaterial des ZDF nicht vorhanden ist: Wie Bobkow mit einem Maschinengewehr vorspielt, was "Igor" tun soll. Ist das nachgedreht worden? "Das ist eine der Fragen, die uns Bobkow beantworten müsste", sagt Bachem. "Aber wir erreichen ihn nicht."

Für den Redakteur Dietmar Schumann ist es nicht der erste Skandal. 2004 holte ihn das ZDF von seinem Posten als Korrespondent in Israel zurück, nachdem ein Stasi-Verdacht gegen ihn auftauchte. Eine jüngst veröffentlichte Studie habe Schumann entlastet, sagt Bachem. "Die Vorstellung, dass er uns eine Falle gebaut hat, halte ich für absurd".

Entstanden ist der Film in der Mainzer Zentrale, die Folgen bekommen auch die ZDF-Mitarbeiter in Moskau zu spüren. Vor allem die rund zwei Dutzend russischen Ortskräfte haben Angst. Die sonntägliche Wochenschau "Westi Nedeli" ist so etwas wie das Hochamt der russischen Propaganda. Zumindest dürfte es noch schwerer werden, russische Gesprächspartner zu finden, die bereit sind, vor ein ZDF-Mikrofon zu treten.