Ärger um ZDF-Doku über Putin Der falsche Igor

Machtmensch Putin schafft dem ZDF ein Glaubwürdigkeitsproblem.

(Foto: ZDF)

Ärger um ZDF-Doku über Putin: Ein Kronzeuge behauptet, im Senderauftrag gelogen zu haben. Vor allem die Mitarbeiter in Russland haben nun Angst.

Von Julian Hans

Vieles ist noch unklar in dieser Geschichte, aber eines ist jetzt schon sicher: Sie schadet der Glaubwürdigkeit des deutschen Fernsehens massiv und gibt den Lügenpresse-Rufern neues Futter. Der Verdacht drängt sich auf, dass sie genau mit diesem Ziel eingefädelt wurde.

Am Dienstag voriger Woche strahlte das ZDF um 20.15 Uhr die Dokumentation Machtmensch Putin aus, den zweiten Teil eines Porträts über den russischen Präsidenten. Während es im ersten um Putins Herkunft und Persönlichkeit ging, standen nun der Ukraine-Krieg und die Konfrontation mit dem Westen im Mittelpunkt. Ausgerechnet um eine Aussage zu unterfüttern, um die seit anderthalb Jahren ein wahrer Informationskrieg tobt, haben die Redakteure Michael Renz und Dietmar Schumann einen schwachen Kronzeugen: Ein schmächtiger Mann Anfang zwanzig erzählt, er habe sich in einem Rekrutierungsbüro gemeldet, um als Freiwilliger seine russischen Landsleute in der Ostukraine zu verteidigen. Sein Gesicht hat das ZDF unkenntlich gemacht. Auf 20 000 bis 30 000 Kämpfer schätzt er die Truppen der Separatisten, davon seien etwa 65 Prozent russische Staatsbürger. Man sieht den Mann, der als "Igor" vorgestellt wird, an einem Kontrollposten der Separatisten.

Dies ist keine sensationelle Aussage, wie der Film insgesamt wenig Neues enthält. Moskau bestreitet längst nicht mehr, dass in der Ostukraine russische Staatsbürger als Freiwillige kämpfen. Vergangene Woche sagte Putin sogar in seiner Jahrespressekonferenz: "Wir haben nie bestritten, dass dort einzelne Personen bestimmte Aufgaben erfüllen, unter anderem im militärischen Bereich". Das geht sogar noch über die Aussage von "Igor" hinaus. Dafür, dass in der Ukraine auch Angehörige russischer Spezialeinheiten kämpften und starben, gibt es inzwischen hinlänglich Beweise: Von den Gräbern gefallener Soldaten in Pskow über Fotos in sozialen Netzwerken bis zur Aussage eines verwundeten Panzerschützen aus Jakutien.

Unter Militärfachleuten besteht ohnehin kein Zweifel, dass die ukrainische Armee - sei sie noch so schlecht ausgerüstet - nicht von ehemaligen Bergarbeitern und Traktorfahrern vernichtend geschlagen werden kann wie etwa im Kessel von Debalzewe im Februar dieses Jahres.

Der ZDF-Film führt einige dieser Belege auf. Doch das hilft nicht mehr viel, seit die Frage im Raum steht, ob die Episode mit "Igor" inszeniert war. Triumphierend präsentierte der Staatssender Rossija am Sonntag die "Fälschung des ZDF".