24. November 2012 14:31 "Berlin - Tag & Nacht" bei RTL 2 Schau' ich im TV, gefällt mir im Netz

Von Hans Hoff

Mehr als 2,3 Millionen Facebook-Nutzer sind Fans: Die Proll-Soap "Berlin Tag & Nacht" führt ein erfolgreiches zweites Leben im Netz - so erfolgreich, dass es nun einen Spin-Off in Köln gibt. RTL 2, das Schmuddelkind der Branche, zeigt, wie man soziale Netzwerke und TV verbindet.

Millionen gefällt das, Tausende tauschen sich täglich auf der Seite über die Serie aus: Die Proll-Soap "Berlin - Tag & Nacht" verbindet TV und Internet.

(Foto: Facebook)

Wer sich im Fernsehen ein bisschen modern geben möchte, faselt gerne etwas vom Netz, von Twitter und Facebook. In der Regel sind es unzulängliche Versuche der Sender, die eigene Marke ins Internet zu verlängern. Genau ist dabei die Angst zu spüren, die Zuschauer könnten ans Netz verloren gehen. Bislang hat es noch niemand überzeugend geschafft, die beiden Medien so zu verbinden, dass es natürlich wirkt. Niemand? Doch, da ist wer. Ausgerechnet RTL 2 (Big Brother). Das Schmuddelkind der Branche zeigt, wie man soziale Netzwerke so nutzt, dass es die eigenen Marken stärkt und vorantreibt.

Paradebeispiel ist dabei die tägliche Soap Berlin - Tag & Nacht. Die ist 2011 als Quotensorgenkind gestartet, hat sich aber seit Jahresanfang zum Vorzeigeprodukt des Münchner Senders gemausert. Marktanteile von mehr als zehn Prozent der unter 50-Jährigen sind bei der 19 Uhr-Billigproduktion, die ihre Protagonisten gar nicht erst Schauspieler nennt, sondern weise als Darsteller verkauft, inzwischen eher die Regel als die Ausnahme. Besonders bei den 14- bis 29-Jährigen ist das schlecht gespielte Geschehen rund um eine Berliner WG der Hit. Marktanteile von bis zu 30 Prozent sind da Ausweis des Erfolgs.

Den ganz großen Coup haben die RTL-Macher indes mit der Netzverknüpfung geschafft. Rund 2,3 Millionen Nutzer mögen das Format bei Facebook. Zehn Prozent davon unterhalten sich täglich auf der Seite miteinander und mit den Charakteren der Sendung. Die bleiben dort in ihrer Rolle und geben den Menschen im Netz das Gefühl, auch außerhalb der Sendezeit am Geschehen in der WG partizipieren zu können. Wendet im Netz jemand ein, dass es sich doch um einen großen Schwindel handele, dass nichts wirklich echt sei, bekommt er schnell Antworten wie "Wissen wir doch" und "Lass uns doch den Spaß".

RTL 2 geht beim Verschachteln der Ebenen noch ein paar Schritte weiter. Als vor einer Woche nach Berlin - Tag & Nacht der Klassiker Dirty Dancing lief, luden die Soap-Figuren zum gemeinsamen Schauen ein. RTL 2 verkaufte das vollmundig als das erste große Second-Screen-Event. Mehr als 180.000 Zuschauer kommentierten bei Facebook oder drückten auf "Gefällt mir". Als WG-Bewohner Ole fragte, welche Pizza er bestellen solle, gaben 91.000 Menschen ihre Stimme ab. Auf der zugehörigen Streamingseite wurden eine halbe Million Besucher registriert.

Dummheiten geschäftlicher oder sexueller Art

Doch damit nicht genug. Von 7. Januar an bekommt Berlin - Tag & Nacht einen Ableger. Als Spin-Off wird dann täglich um 18 Uhr Köln 50667 über den Bildschirm flimmern. Der Inhalt dort ist ähnlich banal wie in Berlin. Junge Menschen wollen viel, kriegen wenig und vertreiben sich die Zeit dazwischen mit allerlei Dummheiten geschäftlicher oder sexueller Art.

Die Ausweitung auf eine zweite Stadt ist natürlich auch ein großer Erfolg für die Kölner Firma Filmpool. Die kann sich nach über 300 Folgen Berlin - Tag & Nacht über eine Bestellung von vorerst 120 Folgen Köln 50667 freuen und bewirbt das Ganze markig. "In der brandneuen Soap geht die Rheinmetropole steil", heißt es und "jeder versucht in Köln sein Ding durchzuziehen". Die Darsteller sagen typischerweise Sätze wie "Ey, ich hab Mist gebaut, Alter."

Als verbindendes Glied wirkt Serienfigur Meike. Die ist in der Berliner Folge von diesem Freitag nach einem tränenreichen Abschied in ein Taxi gestiegen und nach Köln aufgebrochen. Dort will sie laut Drehbuch die Großmutter besuchen und wird in der "Kunstbar" direkt am Dom arbeiten.

Großflächige Tattoos, Piercings

Der Umzug von Meike hat natürlich auch mit der Verlagerung ins soziale Netzwerk zu tun. Dort können Facebook-Anhänger der Serie Meikes Erlebnisse auf einer eigenen Seite mitlesen und ihre Postings zur Kenntnis nehmen. Am Donnerstag wurde die Seite gestartet, Freitagmittag vermeldete RTL2-Chef Jochen Starke in der echten "Kunstbar" schon 123.000 Gefällt-Mir-Klicker. Zwei Stunden später waren es bereits 11.000 mehr.

Starke stellte auch das Personal der Kölner Ausgabe vor, das ähnlich wirkt wie das in der Hauptstadt: Großflächige Tattoos fallen ins Auge, und wer kein Piercing hat, der hat mindestens etwas zu verbergen. Dazu stieg der Sänger Dr. Alban auf die Bühne und sang seinen 90er-Jahre-Hit "It's My Life". Schon mittags bedeutete das für die Darsteller, dass sie wie auf ein Signal die Arme reckten, Party simulierten und signalisierten, wie heiß das Leben in Köln ist. Da will niemand mehr etwas mit Realität zu tun haben. Echt war gestern.