Weihnachts-Einkaufsrausch Zahl der Kaufsüchtigen fast verdoppelt

Auch in Berlin erledigen die Menschen letzte Weihnachtseinkäufe.

(Foto: dpa)

Viele packt er nicht nur zur Weihnachtszeit: der Kaufrausch. Für die Betroffenen ist Kaufen ein Zwang, keine Notwendigkeit. Nach einer Studie ist die Zahl der Konsumsüchtigen in Deutschland gestiegen. Frauen seien davon stärker betroffen als Männer, sagen Experten.

Weihnachtszeit ist Einkaufszeit. Vielen Menschen macht es Spaß, für ihre Liebsten schöne Geschenke auszusuchen. Doch für manche Menschen ist jede Shopping-Tour gefährlich. Sie sind kaufsüchtig

Die Zahl der Konsumsüchtigen hat bundesweit deutlich zugenommen. Das ergibt eine Studie von Konsumforschern um Lucia Reisch, Professorin für Konsumverhalten und Verbraucherpolitik an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen am Bodensee. Im Vergleich zu 2010 sei der Anteil Kaufsüchtiger von sieben auf fast zwölf Prozent gestiegen, sagte Reisch der Nachrichtenagentur dpa. Die Zahl derer, die durch Konsum negative Gefühle kompensierten, sei von zehn Prozent im Jahr 2011 auf vierzehn Prozent gewachsen. Damit kauft insgesamt fast ein Viertel der Deutschen nicht nur zur Bedarfsdeckung ein, sondern auch als Ausgleich für emotionale Probleme - bis hin zum pathologischen Kaufzwang.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Gerhard Raab, Professor für Marketing und Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Ludwigshafen, beobachtet Reisch seit 1990 in regelmäßigen Abständen das Kaufverhalten der Deutschen. Für die aktuelle Studie wurden 1300 Menschen befragt.

Dabei zeigte sich ein deutlicher Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland. Während der Anteil der Kaufsüchtigen im Westen im Vergleich zu 2011 mit knapp zehn Prozent gleich blieb, stieg er in Ostdeutschland von sechs auf 19 Prozent. Worauf diese jüngste Steigerung im Osten zurückzuführen ist, sei unklar, sagt Reisch. In den 1990er Jahren habe es das Phänomen Kaufsucht dort praktisch nicht gegeben. Erst während der 2000er Jahren habe sie sich entwickelt, heute sei das Niveau der westlichen Konsumgesellschaften erreicht.

"Kaufsucht hat viel mit Kompensation zu tun, der schnelle Kick, das kurze Glück, das kurzfristige Vergessen der täglichen kleinen und großen Frustrationen", sagt Reisch. "Jede Gesellschaft bietet dafür unterschiedliche Angebote. Vielleicht hat es einfach zwei Jahrzehnte gedauert, bis andere Formen der Kompensation durch das Kaufen verdrängt wurden."

Kreditkarten fördern Kaufsucht

Die Zunahme in ganz Deutschland könne man unter anderem damit erklären, dass der Zahlungsverkehr immer stärker virtualisiert werde. Dadurch sinke die Hemmschwelle für den Konsum, sagt Reisch. "Ein Geldschein, den man anfasst, hat ein haptisches Gefühl und dadurch auch einen bestimmten Wert." Bei einer Kreditkartenabrechnung oder einer Ratenzahlung, die Wochen später fällig werde, falle es vielen Menschen schwer, das Geld unmittelbar als Gegenwert wahrzunehmen.

Zudem habe sich das Kaufverhalten in den vergangenen Jahren grundlegend geändert. Während man beispielsweise in den sechziger oder siebziger Jahren Kredite hauptsächlich für Immobilien oder eine Ausbildung aufgenommen habe, sei die Ratenfinanzierung von Konsumgütern - Fernsehern, Möbelstücken, oder auch Handys - heute üblich. "Da hat eine Verschiebung der Normen stattgefunden", so Reisch.

Frauen sind mit zwölf Prozent etwas stärker von Kaufsucht betroffen als Männer (elf Prozent). "Einkaufen ist nach wie vor - emanzipierte Gesellschaften hin oder her - in vielerlei Hinsicht Aufgabe der Frauen", sagt Reisch. "Sie sind daher dem Kaufreiz stärker ausgesetzt als Männer." Für manche Frauen sei der Konsum zudem ein Bereich, in dem sie sich "selbst kompetent erleben" könnten. "In Interview hören wir immer wieder die Begründung "Da kenne ich mich aus, da weiß ich Bescheid".