UN-Kampagne gegen Sexismus im Netz Frauen sollten ...

... den Mund halten: Googles Autocomplete-Funktion diffamiert nicht nur Personen. Sie hilft, ein ganzes Geschlecht zu verunglimpfen, wie eine UN-Kampagne eindrucksvoll zeigt. Wie weit darf Schwarmschwachsinn gehen?

Von Johanna Bruckner

Gibt man heute "Bettina Wulff" ins Google-Suchfenster ein, erscheinen automatisch die Begriffe: Lebenslauf, Artemis, Buch und Kommunikation. Das klingt harmlos, zumal vor dem Hintergrund, dass die Autocomplete-Funktion der Suchmaschine vor einem Jahr noch die Begriffe "Prostituierte" und "Escort" generierte. Haben sich mit dem Medienhype um die Frau des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff auch die algorithmisch erzeugten Assoziationen abgeschwächt?

Zumindest ist die einst hitzig geführte öffentliche Diskussion um die Autocomplete-Funktion zwischenzeitlich eingeschlafen. Nun allerdings wirft eine neue UN-Kampagne abermals die Frage auf: Darf Google im Namen der Meinungsfreiheit Menschen, ja gar ein ganzes Geschlecht verunglimpfen?

Vier Plakatmotive hat die "Entity for Gender Equality and the Empowerment of Women", eine Abteilung innerhalb der Vereinten Nationen, die sich um Gleichberechtigung und die Stärkung von Frauen bemüht, jüngst vorgestellt. Darauf zu sehen: vier Frauen unterschiedlicher Ethnie, die anstelle des Mundes ein Google-Suchfenster haben. Eingegeben sind Satzanfänge wie "Frauen können nicht ...", "Frauen sollten nicht ...", "Frauen sollten ..." und "Frauen müssen ...". Die mutmaßlichen Ergebnisse der Google-Vervollständigung sind ebenfalls angezeigt: Sie sind im besten Fall sexistisch - im schlimmsten Fall frauenverachtend.

Wo Freiheit gelebt und mit Füßen getreten wird

Frauen können nicht Auto fahren, ist da zu lesen. Oder auch: Frauen sollten nicht wählen. Dafür schlägt die Autocomplete-Funktion vor, "Frauen sollten in der Küche bleiben" und "Frauen sollten Sklaven sein". Den Satzanfang "Frauen müssen ..." vollendet Google mit "diszipliniert werden".

Seit einer Woche gibt es die Kampagne, noch ist das Medienecho eher verhalten und auch der zugehörige Hashtag #womenshould hat es bislang nicht geschafft, die gewünschte Debatte über Sexismus und Diskriminierung im Netz anzufachen. Dabei sind die Autocomplete-Ergebnisse den Initiatoren zufolge echt, sie seien bei Suchen am 9. März dieses Jahres generiert worden.

Sollte das stimmen, zeigt es einmal mehr: Das Netz mag ein Ort der Freiheit sein - aber es ist eben auch ein Ort, an dem Freiheit und gesellschaftlicher Fortschritt bisweilen mit Füßen getreten werden. Hier wird nicht nur Feminismus neu gedacht, hier formiert sich nicht nur Widerstand gegen Alltagssexismus (Stichwort: #aufschrei). Hier werden auch ganz offen und öffentlich reaktionäre Geschlechtervorstellungen gepflegt - und hier wird Sexismus und Schlimmeres gelebt. Ein Machismo, wie er nicht mal mehr an Stammtischen gewagt wird, darf zur Schau gestellt werden - man muss nur das richtige Forum kennen.

Sexistische und frauenverachtende Wortbeiträge im Internet gibt es im vermeintlich gleichberechtigten Europa genauso wie in Asien - das ist die Botschaft der Plakatreihe. Von wo aus die Anfragen durchgeführt wurden, ist allerdings nicht bekannt. Gut möglich also, dass sich die Ergebnisse lokal unterscheiden. Schließlich ist das Land ein Faktor, der für den Google-Autocomplete-Algorithmus relevant ist. (Linktipp: Was Google noch über den Autocomplete-Algorithmus verrät, lesen Sie hier.) Das mindert die Aussagekraft der Kampagne allerdings nicht wirklich.

Denn die Zahl der Männer, die Frauen im Netz gerne wieder alle Errungenschaften der Gleichberechtigung absprechen würden, ist durchaus groß. Zumindest legen das die Google-Treffer für die dargestellten Aussagen nahe. Allein der Satz "Frauen sollten den Mund halten" liefert mehr als 300 Millionen Ergebnisse.

Google stiehlt sich aus der Verantwortung

Und was ist mit Google? Der Suchmaschinenanbieter hat die Möglichkeit, bestimmte Worte oder Wortkombinationen zu Suchbegriffen zu sperren, sodass diese nicht automatisch angezeigt werden. Das macht Google auch, wenn eine ausreichend mächtige gesellschaftspolitische oder wirtschaftliche Lobby darauf dringt (zum Beispiel bei Pornographie oder Urheberrechtsverletzungen). Ansonsten beruft sich das Unternehmen aber gerne darauf, dass man ja nicht willkürlich selbstgewählte Begriffe vorschlage, sondern diese von Nutzern vorher eingegeben worden seien. Verteidigungsstrategie: Schwarmschwachsinn.

Doch damit macht es sich Google zu leicht. Denn in Versuchen wurde festgestellt, dass Googles Darstellung dessen, was Menschen suchen, einen Einfluss darauf hat, was Menschen bei Google suchen. Dieser Katalysatoreffekt war insbesondere bei negativen Begriffskombinationen zu beobachten. Die Suchmaschine leistet also nicht nur Beihilfe zur Verbreitung sexistischer und frauenverachtender Inhalte. Sie befördert aktiv, dass sich solche Positionen im Netz - und möglicherweise in den Köpfen der Internetnutzer - verfestigen.

Diese Erfahrung muss auch nach wie vor Bettina Wulff machen. Denn wer aus dem Stand nichts mit dem Autocomplete-Vorschlag "Artemis" anzufangen weiß und aus Neugier darauf klickt, landet - im Rotlicht. Am 6. Dezember will sich die frühere First Lady dagegen vor Gericht zur Wehr setzen. Man möchte ihr Glück wünschen, im Namen aller Frauen.