Trend Extremsportarten Auf der Suche nach dem Kick

Nervenkitzel im Tiefschnee? Von Profis inspiriert suchen auch immer mehr Laien das Risiko.

(Foto: dpa)

Marathon laufen war gestern. Freizeitsportler stürzen sich Steilhänge hinunter und unternehmen waghalsige Bergexpeditionen. Aber was steckt dahinter? Ist das Extreme mittlerweile zum Mainstream geworden? Ein Erklärungsversuch.

Von Carolin Gasteiger

Die eigenen Grenzen ausloten und so sich selbst spüren - dieses Motiv nennen Extremsportler, wenn sie gefragt werden, weshalb sie sich in riskante, zum Teil sogar lebensgefährliche Situationen bringen. Auch Thomas Hlawitschka bringt sich in Gefahr. Der 26-jährige Freerider stürzt auf Skiern steilste Tiefschneehänge hinab. Auch Knochenbrüche halten ihn davon nicht ab. Aber was suchen Menschen wie Hlawitschka am Limit?

Sie sind sogenannte high sensation seeker, die immer neue, komplexe Eindrücke suchen - den Kick, wenn man so will. Das sagt Marie Ottilie Frenkel, Sportpsychologin an der Uni Heidelberg. Aus ihren Untersuchungen weiß sie, dass diese Menschen sich in extremen Situationen wohlfühlen und gut unter starkem Stress funktionieren. Alles fühle sich dann mühelos an, alles laufe wie von allein ab. Diesen Kick, oder Flow-Zustand, wie ihn Psychologen nennen, sucht ein Mensch wie Hlawitschka, wenn er in einen unverspurten Steilhang springt. Und er ist ein gut trainierter Profi.

Sein Tun und das vieler anderer Risikosportler inspiriert aber auch Laien zu immer extremeren Freizeitaktivitäten. Neulich überquerte eine Freundin die Alpen, der Nachbar war am Wochenende beim Paragliden und der Kollege aus dem vierten Stock bricht bald zu einer Expedition in die Arktis auf. Nach dem Motto: "Wenn der Baumgartner aus der Stratosphäre springt, kann ich das auch!" Dass ein Bekannter sich gerade auf seinen vierten Marathon vorbereitet: geschenkt.

Felix Baumgartner Mit Knall durch die Schallmauer - und dann Stille

Der österreichische Extremsportler Felix Baumgartner will sich auf mehr als 36.000 Meter Höhe bringen lassen - und sich dann in die Tiefe stürzen. Wenn alles glatt läuft, durchbricht er dabei als erster Mensch im freien Fall die Schallmauer. Was passiert in diesem Moment mit dem menschlichen Körper? Und wie groß ist das Risiko? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Auch sie wollen an ihre Grenzen gehen, sich selbst wieder spüren - aber wissen sie, was sie tun? Momentan steigen so viele Menschen wie nie zuvor auf den Mount Everest - ob mit 25 Jahren oder mit 80, ob gesund oder mit körperlichem Handicap - und ein österreichischer Astronaut springt sogar aus der Stratosphäre. Wird unsere Gesellschaft immer extremer?

Tatsächlich definieren sich die Menschen heute viel mehr über ihre Freizeit. Wir werden medial über jeden Gipfelrekord informiert, im Sportgeschäft ist die Ausrüstung für eine hochalpine Expedition verfügbar - und gar nicht so teuer. Das Extreme ist zum gesellschaftlichen Trend geworden, weiß Martin Kopp, Professor am Institut für Sportwissenschaften der Universität Innsbruck. Er glaubt weniger, dass wir mit extremen Freizeitaktivitäten unseren langweiligen Job kompensieren wollen, sondern eher, dass es auf die Außenwahrnehmung ankommt. "In unserem vielschichtigen gesellschaftlichen Wertesystem können wir uns über den Sport leichter vergleichen." Ob man an der Uni leitender Angestellter oder Doktorand sei, könnten viele nicht nachvollziehen. Läuft man hingegen einen Marathon, vermittle das ein bekanntes Bild, so Kopp.

Wenn es nur der Marathon wäre. Diese Disziplin reicht als Nervenkitzel schon lange nicht mehr aus. Triathlon, Iron Man, Ultra-Trail-Läufe (Bergläufe mit einer Distanz von 100 Kilometern) sind nichts Besonderes mehr. Manchen Veranstaltern zufolge boomen Outdoor-Wettbewerbe, besonders seit sie englische Namen tragen. Wer interessiert sich für einen Geländelauf? Aber seitdem er Ultra Trail heißt und von namhaften Sponsoren beworben wird, ist er gesellschaftsfähig, hip und cool. Um beim Mount Everest zu bleiben: "Da hat man die Möglichkeit, sich mit dem Rest der Welt zu vergleichen", so Kopp. Am Ende stünde die Aussage: "Das macht nur ein Prozent der Weltbevölkerung" - und darunter könne man sich ja immerhin etwas vorstellen.