Süddeutsche Zeitung

Trend Extremsportarten:Auf der Suche nach dem Kick

Lesezeit: 4 min

Marathon laufen war gestern. Freizeitsportler stürzen sich Steilhänge hinunter und unternehmen waghalsige Bergexpeditionen. Aber was steckt dahinter? Ist das Extreme mittlerweile zum Mainstream geworden? Ein Erklärungsversuch.

Von Carolin Gasteiger

Die eigenen Grenzen ausloten und so sich selbst spüren - dieses Motiv nennen Extremsportler, wenn sie gefragt werden, weshalb sie sich in riskante, zum Teil sogar lebensgefährliche Situationen bringen. Auch Thomas Hlawitschka bringt sich in Gefahr. Der 26-jährige Freerider stürzt auf Skiern steilste Tiefschneehänge hinab. Auch Knochenbrüche halten ihn davon nicht ab. Aber was suchen Menschen wie Hlawitschka am Limit?

Sie sind sogenannte high sensation seeker, die immer neue, komplexe Eindrücke suchen - den Kick, wenn man so will. Das sagt Marie Ottilie Frenkel, Sportpsychologin an der Uni Heidelberg. Aus ihren Untersuchungen weiß sie, dass diese Menschen sich in extremen Situationen wohlfühlen und gut unter starkem Stress funktionieren. Alles fühle sich dann mühelos an, alles laufe wie von allein ab. Diesen Kick, oder Flow-Zustand, wie ihn Psychologen nennen, sucht ein Mensch wie Hlawitschka, wenn er in einen unverspurten Steilhang springt. Und er ist ein gut trainierter Profi.

Sein Tun und das vieler anderer Risikosportler inspiriert aber auch Laien zu immer extremeren Freizeitaktivitäten. Neulich überquerte eine Freundin die Alpen, der Nachbar war am Wochenende beim Paragliden und der Kollege aus dem vierten Stock bricht bald zu einer Expedition in die Arktis auf. Nach dem Motto: "Wenn der Baumgartner aus der Stratosphäre springt, kann ich das auch!" Dass ein Bekannter sich gerade auf seinen vierten Marathon vorbereitet: geschenkt.

Auch sie wollen an ihre Grenzen gehen, sich selbst wieder spüren - aber wissen sie, was sie tun? Momentan steigen so viele Menschen wie nie zuvor auf den Mount Everest - ob mit 25 Jahren oder mit 80, ob gesund oder mit körperlichem Handicap - und ein österreichischer Astronaut springt sogar aus der Stratosphäre. Wird unsere Gesellschaft immer extremer?

Tatsächlich definieren sich die Menschen heute viel mehr über ihre Freizeit. Wir werden medial über jeden Gipfelrekord informiert, im Sportgeschäft ist die Ausrüstung für eine hochalpine Expedition verfügbar - und gar nicht so teuer. Das Extreme ist zum gesellschaftlichen Trend geworden, weiß Martin Kopp, Professor am Institut für Sportwissenschaften der Universität Innsbruck. Er glaubt weniger, dass wir mit extremen Freizeitaktivitäten unseren langweiligen Job kompensieren wollen, sondern eher, dass es auf die Außenwahrnehmung ankommt. "In unserem vielschichtigen gesellschaftlichen Wertesystem können wir uns über den Sport leichter vergleichen." Ob man an der Uni leitender Angestellter oder Doktorand sei, könnten viele nicht nachvollziehen. Läuft man hingegen einen Marathon, vermittle das ein bekanntes Bild, so Kopp.

Wenn es nur der Marathon wäre. Diese Disziplin reicht als Nervenkitzel schon lange nicht mehr aus. Triathlon, Iron Man, Ultra-Trail-Läufe (Bergläufe mit einer Distanz von 100 Kilometern) sind nichts Besonderes mehr. Manchen Veranstaltern zufolge boomen Outdoor-Wettbewerbe, besonders seit sie englische Namen tragen. Wer interessiert sich für einen Geländelauf? Aber seitdem er Ultra Trail heißt und von namhaften Sponsoren beworben wird, ist er gesellschaftsfähig, hip und cool. Um beim Mount Everest zu bleiben: "Da hat man die Möglichkeit, sich mit dem Rest der Welt zu vergleichen", so Kopp. Am Ende stünde die Aussage: "Das macht nur ein Prozent der Weltbevölkerung" - und darunter könne man sich ja immerhin etwas vorstellen.

Gruppenevents wie ein Ultra Trail spiegelten die Struktur unserer Gesellschaft wider, so Kopp. "Ich bin anonym, aber trotzdem in einem großen Kontext." An seine Grenzen gehen, aber bitte in einer sicheren Umgebung, auf abgesteckten Trassen und mit ausreichender Versorgung. Beim Marathon mag das ja noch zutreffen, aber bei einer Everest-Expedition?

Lust auf Neues macht leichtsinnig. "Die Risiken, die Extremsportler eingehen, sind nicht zufällig, sondern abhängig von ihren Fähigkeiten. Und da es dabei im schlimmsten Fall ums Überleben geht, schätzen sie ihr Können jedes Mal aufs Neue genau ein", meint Sportpsychologin Frenkel. Sie gingen immer von ihren persönlichen Fähigkeiten aus. "Daran können Freizeitsportler im Gegensatz zu Profis scheitern", so Frenkel. Sie könnten nicht genau einschätzen, wann ihre Grenzen überschritten sind und die Unfallgefahr steigt. Gerade der adrenalingesättigte Flow-Zustand birgt Gefahren: "Man denkt in diesem reflexionslosen Zustand weniger nach und sieht womöglich auch weniger die Gefahrenseiten", erklärt Frenkel.

In einer Studie stellte sich heraus, dass Probanden, die high sensation seeker waren, besser mit Stresssituationen umgehen können als andere Menschen: Sie schütten weniger Cortisol aus, haben keine so hohe Herzfrequenz, sie fühlen sich wohl bei einem gewissen Risiko. Auch Freerider Hlawitschka. Die Gefahr für Laien im Extremsport empfindet er nicht als besorgniserregend. Im Gegenteil: "Die Freude, aber auch das Erleben von Angst und die Angstbewältigung fehlen dem Menschen heutzutage schlichtweg. Ich werde es immer unterstützen, Laien die Möglichkeit zu geben, ihre Grenzen auszuloten."

Allerdings sollten sie sich nicht blind ins Abenteuer stürzen. "Ich persönlich habe mir dafür immer die nötige Info von ausgewählten Leuten geholt, das würde ich auch jedem empfehlen. Man kann sich so viele Knochenbrüche ersparen." Roland Ampenberger, Sprecher der Bergwacht Bayern, appelliert an Bergsportler, sich nicht nur auf Informationen aus dem Internet oder Youtube-Videos zu verlassen, sondern praktische Erfahrungen zu sammeln. Am besten unter Anleitung. "Uns ist wichtig, dass die Leute sich überlegen, was sie tun und rechtzeitig Bescheid geben, wenn es zu viel geworden ist." Den Eindruck, dass immer mehr unerfahrene Leute am Berg unterwegs seien, kann er nicht teilen. Vielmehr gibt er zu bedenken, dass generell viel mehr Menschen in den Bergen unterwegs sind. Und somit auch die Anzahl derer steigt, die sich überschätzen.

Sportwissenschaftler Kopp befürchtet, dass Sportarten noch extremer werden, wenn sich die Freizeitkultur so weiterentwickelt. In 15 Jahren sähe ein typischer Skitag so aus: "Helikopter bringen Leute zu speziellen Skirouten, Seilbahnunternehmen setzen Skifahrer nicht mehr an der Piste ab, sondern im offenen Gelände, wo sie überall herunterfahren können." Werden Freizeitsportler also in Zukunft zum Frühsport schon einen Halbmarathon laufen, am Wochenende zum Heliskiing gehen ("Könnt ihr euch noch an Skilifte erinnern?") und zum Freeclimbing an den Mount Everest fahren? Vielleicht wird es aber auch in 15 Jahren noch die risikoscheuen Genießer geben, die ihre Grenzen nicht erkunden wollen und am Wochenende in der Stadt bleiben, um ein paar Gläser Wein zu trinken.

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