Sekte in der Krise Scientology demontiert sich selbst

Das Gebäude von Scientology in Los Angeles, dem Zentrum der Glaubensgemeinschaft.

(Foto: REUTERS)

Freiheitsberaubung, körperliche Gewalt, veruntreute Spendengelder: Die Vorwürfe, die Ex-Mitglieder gegen Scientology erheben, wiegen schwer. Zwei neue Bücher zeigen, wie desolat der Zustand der Sekte tatsächlich ist.

Von Lena Jakat

Während sich die "Church of Scientology" hierzulande seit jeher scharfer Kritik ausgesetzt sieht, schien die Erfolgsgeschichte dieser "Wissenschaft mentaler Gesundheit" in den USA noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts ungebrochen. Ihr Aushängeschild Nummer eins feierte mit "Eyes Wide Shut", "Magnolia" und der Fortsetzung des Agententhrillers "Mission Impossible" die größten Erfolge seiner Karriere. Die Welt lag Tom Cruise zu Füßen, Scientology schien unantastbar.

Im Frühjahr 2013 ist der Eindruck ein völlig anderer: Nach Jahren voller Skandale zeigen zwei neu erschienene Bücher, dass die glatte Fassade der Sekte große Risse bekommen hat, Risse, die kaum mehr zu reparieren sein dürften. Das eine heißt "Beyond Belief: My Secret Life Inside Scientology and My Harrowing Escape". Was auf den ersten Blick wie ein Aussteigerbericht unter vielen aussieht, erhält durch den Namen der Autorin Brisanz: Jenna Miscavige Hill. Die US-Amerikanerin war Mitglied der Sea-Org, einer Art elitären Scientology-Ordens. Sie ist auch die Nichte des schillernden und auch intern höchst umstrittenen Sektenchefs David Miscavige.

In den Interviews zu ihrer Autobiografie berichtet die 28-Jährige, wie sie im Grundschulalter harte, körperliche Arbeit verrichten musste. "Meine Hände waren immer voller Blasen", sagte sie zum Beispiel dem britischen Independent. Wer sich widersetzte, habe eiskaltes Wasser über den Kopf geschüttet bekommen oder eine Nacht in einem heruntergekommenen Raum voller Fledermäuse verbringen müssen."Wenn ich zurückblicke, fühle ich mich, als wäre ich einer kompletten Hirnwäsche unterzogen worden. Ich wusste nicht einmal, was ich mochte oder was für eine Art Person ich war. Ich war nur ein Roboter der Kirche."

Schockierende Berichte über "das Loch"

Miscavige gehört seit ihrem Austritt 2005 zu den schärfsten Kritikern der Organisation und ist inzwischen zweifache Mutter. Als Sea-Org-Mitglied war ihr es einst untersagt, Kinder zu bekommen. Ihre Berichte über drakonische, auch körperliche Bestrafungen für Abweichler jeden Alters passen zu Berichten anderer hochrangiger Aussteiger über das "Loch" - etwa den Schilderungen des Ex-Funktionärs Michael Rinder im SZ-Gespräch. Das Loch, das ist diesen Aussagen zufolge eine Art moderner Kerker auf dem Gelände der internationalen Scientology-Zentrale Gold Base. Seit etwa 2003 werden dort ehemaligen Mitgliedern zufolge in einem Bürogebäude Funktionäre eingesperrt, die bei Sektenchef Miscavige in Ungnade gefallen sind - und sei es aus noch so belanglosen Gründen.

Im Februar 2011 machte außerdem eines der prominentesten Mitglieder sein Zerwürfnis mit der Sekte öffentlich: Paul Haggis, Oscarpreisträger, Regisseur und Drehbuchautor für Filme wie "L.A. Crash" und "Million Dollar Baby". In einem umfassenden, vielgelobten Artikel im New Yorker ließ Haggis den Journalisten Lawrence Wright seine Geschichte erzählen.

Jetzt, zwei Jahre später, hat Wright die Buchfassung dieser Reportage vorgelegt: "Going Clear" erzählt die Geschichte der Glaubensgemeinschaft anhand der Figur des Regisseurs Haggis. "Paul Haggis war 1975 21 Jahre alt", heißt es zu Beginn des Buches. "Er ging in der Londoner Innenstadt (London, Ontario; Anm. d. Red.) auf einen Plattenladen zu, als er an der Ecke Dundas- und Waterloo-Straße einem schnell sprechenden, langhaarigen Mann mit stechendem Blick begegnete." Obwohl er "seinen Skeptizismus nie verlor", wie Wright schreibt, bleibt Haggis L. Ron Hubbards Lehren und der Organisation treu. 35 Jahre lang. Am Ende ist es Kritik der Sekte an der Gleichstellung homosexueller Paare, die Haggis - Vater zweier lesbischer Töchter - an Scientology zweifeln lassen. Im August 2009 erklärt er per Mail seinen Austritt.