Schach-WM Acht Tipps für Schach-Einsteiger

Schachspieler im Budapester Széchenyi-Heilbad

(Foto: imago/robertharding)

Großmeister Stefan Kindermann verrät, welche Fehler jeder Anfänger macht - und warum Schachspielen einen im Leben weiterbringt.

Von Barbara Vorsamer

Jeder hat schon einmal ein Schachbrett gesehen, die meisten Menschen wissen auch, wo welche Figur stehen muss. Immer noch ziemlich viele kennen grob die Regeln. Doch wer sich dann vor das Brett setzt und einfach los spielt, wird eher nicht erleben, was an Schach zu faszinierend ist.

Woran liegt das? Ist "das königliche Spiel", wie es oft genannt wird, einfach nur was für Superhirne wie Magnus Carlsen und Sergey Karjakin, die seit zwei Wochen in New York um die Weltmeisterschaft ringen?

Nein, sagt Großmeister Stefan Kindermann. "Schach ist für jeden etwas". Die Münchner Schachakademie beispielsweise bietet Kurse für benachteiligte Kinder an, Projekte für Geflüchtete und Weiterbildungen für Führungskräfte. Wenn man es richtig angeht, kann jeder von Schach profitieren. Acht Tipps für Einsteiger:

Die Figuren einzeln kennen lernen

Einfach losspielen ist falsch. "Schach ist wie eine Sprache", sagt Kindermann. "Die Figuren sind die Buchstaben und die Regeln die Grammatik. Und wie beim Sprachenlernen beginnen Sie am besten mit einzelnen Worten." Aufs Spiel übertragen bedeutet das: Man sollte mit den einzelnen Figuren beginnen und deren Bewegungswege lernen - einen nach dem anderen.

Carlsen folgt einem höheren Plan

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Lassen Sie es sich beibringen

Doch was macht man dann, nur mit den Läufern auf dem Brett? Dafür gibt es spezielle Übungen, doch die kennt der Anfänger natürlich nicht. Deswegen rät Kindermann, die erste Stufe mit Hilfe eines Buchs, eines Lernprogramms oder am besten eines Trainers zu nehmen. Er empfiehlt dafür beispielsweise das Programm "Fritz und Fertig" von Chessbase.

Alle wollen mitspielen

16 Figuren, 64 Felder - statistisch potenzieren sich die möglichen Züge schnell zu derart vielen Möglichkeiten, dass Ungeübte überfordert sind. Anfänger neigen daher dazu, vor allem mit einer Figur zu ziehen und die anderen in der Gegend herumstehen zu lassen. "Stellen Sie sich vor, Sie würden so Fußball spielen", sagt Kindermann. "Einer rennt, die anderen stehen nur auf ihren Positionen - und die gegnerische Mannschaft hat elf Spieler auf dem Platz. Wer da gewinnt, ist klar."

Daher gelte auch beim Schach: Nichts wie raus mit allen Spielfiguren auf das Feld, auch wenn es dann erstmal unübersichtlich wird. Doch nur auf dem Spielfeld haben die Figuren ihren maximalen Aktionsradius. Zaudernde Anfänger können sich dazu zwingen, indem sie am Anfang jede Figur einmal ziehen.

In der Mitte liegt die Kraft

Und wohin? In die Mitte! "Im Schach hat meistens der den Vorteil, der die Mitte des Spielfelds dominiert", sagt Kindermann. Das sind die Felder d4, e4, d5 und e5. Ideal ist es zum Beispiel, diese Felder mit Bauern zu besetzen und Spielfiguren so drumherum zu stellen, dass sie das Zentrum decken beziehungsweise angreifen.

Zeit lassen

Ein weiterer Anfängerfehler sei es, schnell einen Zug nach dem anderen zu machen, weil es einem langweilig vorkommt, grübelnd vor dem Brett zu sitzen. Doch genau das sollte man tun. Erfahrene Schachspieler denken mehrere Züge voraus, Profis wie Magnus Carlsen sind in der Lage, über Stunden ganze Partien und mögliche Alternativen im Kopf "durchzurechnen" - sogar, während sie ein Interview geben.

Neulinge können das natürlich nicht. Doch es lohnt sich trotzdem, beim Schach nicht immer den nächstbesten Zug zu machen, sondern abzuwägen, welche Folgen welche Aktion haben könnte.

Den richtigen Gegner finden

Mit dem Norweger Carlsen und dem Russen Sergej Karjakin ringen gerade die beiden derzeit besten Schachspieler um den WM-Titel, nach zwölf Partien steht es immer noch Unentschieden. Gegen seinen Vater spielt Carlsen nicht mehr, denn damit Schach Spaß macht, sollte man gegen etwa gleich gute Spieler antreten. Kindermann sagt: "Der beste Trainingspartner ist ein Spieler, der ein bisschen besser ist, als man selbst."

Wenn gerade niemand da ist, kann man gegen den Rechner spielen. Es gibt Schach als Computerspiel, Browsergame und Handy-App - doch das Spiel gegen die Maschine ist natürlich ganz anders. Weltmeister Carlsen sagt: "Ein Computer übersieht nichts. Ein Computer hat niemals Angst. Wenn du Glück hast, kannst du ihn besiegen, allerdings kannst du nie psychologischen Druck ausüben. Zu einem Großteil ist Schach aber genau das, psychologische Kriegsführung, Nerven behalten, Druck ausüben."

Ein Hybrid zwischen "echtem" Schach und einem Computerspiel ist Online-Schach. Es kann jederzeit am Rechner gespielt werden, der Gegner ist aber keine Maschine, sondern ebenfalls ein Mensch.

Züge durchdenken und dann nach Gefühl handeln

"Schon beim ersten Zug haben Sie zwanzig Möglichkeiten, der Gegner auch. Das macht dann 400. Schon nach drei Zügen hat sich das in die Millionen potenziert", sagt der Münchner Schachmeister Kindermann. "Es ist offensichtlich dass Ratio und Logik hier schnell überfordert sind." Ein guter Schachspieler braucht daher kein Computerhirn, sondern vor allem eine gute Intuition. Die gibt die Richtung vor, der Verstand wägt die Optionen ab - und dann muss man einfach mal machen. Selbst Weltmeister Carlsen sagt: "Sicher kann man nie sein."

Eine Entscheidung treffen zu müssen ohne die Folgen hundertprozentig vorher sehen zu können - das klingt eigentlich gar nicht nach Schach, sondern nach dem richtigen Leben. Einer der Gründe, warum Kindermann der Meinung ist, dass jeder vom Schachspiel profitieren würde: "Schachspieler schulen Gedächtnis und Konzentration, während sie gleichzeitig fantasievoll agieren. Ab einem bestimmten Level braucht man außerdem viel Durchhaltevermögen und verbessert die Fähigkeit, unter Druck einen klaren Kopf zu behalten und sinnvolle Entscheidungen zu treffen."

Vom Ziel her denken

Damit das gelingt, sollte man vom Ziel her denken. Also nicht das Schachspiel irgendwie eröffnen und sich dann von Zug zu Zug treiben lassen, sondern ein klaren Plan zu verfolgen. Gute Schachspieler sehen schon in der Stellung der Figuren eine mögliche Matt-Konstellation schlummern und gehen dann von dieser Vision aus rückwärts. Auch das ist ein Tipp, den so mancher ins richtige Leben mitnehmen und sich fragen kann: Wo will ich hin? Und was muss passieren, damit ich da hin komme?

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