Psychologie "Wie ein Schnellkochtopf, dauernd am Explodieren"

Etwas Besonderes zu sein kann schön sein. Und schwierig.

(Foto: Olga Capdevila)

ADHS, Hochbegabung, Dyskalkulie: Manche Kinder sind besonders. Wie geht es ihnen damit - und ihren Eltern? Betroffene Familien erzählen.

Protokolle von Barbara Vorsamer

ADHS

"In der Schule saß er unterm Tisch und hielt sich die Ohren zu"

Das sagt die Mutter: "Mein Sohn Bennet hat ADHS. Inzwischen kann ich das sagen, ich habe mich daran gewöhnt. Aber als uns der Kinderpsychiater die Diagnose mitteilte, dachte ich: Blöde Modediagnose, er hat eben Temperament. Heute weiß ich, dass ADHS eine Stoffwechselstörung im Gehirn ist. Bennet kann nichts dafür, dass er so ist, wie er ist.

Er kann zum Beispiel ganz schlecht vorausplanen, er kann nicht warten und findet es schwierig, still zu sitzen. Als er in die Schule kam, führte das zu ständigem Stress und Streit. Er fühlte sich überhaupt nicht wohl in der Schule, war abwechselnd ängstlich, wütend und überfordert. In der Schule saß er unterm Tisch und hielt sich die Ohren zu. Als mir die Lehrerin das mitteilte, wusste ich, wir müssen etwas tun.

Beim Psychiater musste das Kind Tests machen, wir Eltern und die Lehrerin füllten Fragebögen aus. Die Empfehlung nach der ADHS-Diagnose: Medikamente. Im ersten Moment war ich strikt dagegen. Aber der Arzt überzeugte mich. ,Ihrem Jungen geht es nicht gut, der braucht jetzt dringend Rückenwind.'

Die Medikamente haben Bennet sehr geholfen. Er wurde ruhiger, kommt in der Schule besser mit. Seine Ausraster, die zuvor oft eine Stunde gedauert und uns den ganzen Tag verdorben hatten, wurden weniger, und er kriegt sich schneller wieder ein. Am überraschendsten finde ich die Wirkung auf seine Feinmotorik. Früher hat er beim Ausmalen immer über die Linien gekritzelt, jetzt kann er es. Somit fällt ihm auch das Schreiben leichter.

Jetzt möchte ich ihm dabei helfen, sich selbst so anzunehmen, wie er ist. Im Moment findet er es schlimm, ADHS zu haben, und sieht seine positiven Eigenschaften gar nicht mehr. Deswegen lobe ich ihn viel und betone, wie kreativ er ist und wie schnell er reagieren kann."

Das sagt Bennet, 7: "ADHS zu haben, fühlt sich eigentlich gar nicht so besonders an. Aber ich kloppe mich oft. Wenn mich jemand ärgert, macht es 'Bom!' in meinem Kopf. Ich bin aggressiv, sagen die Erwachsenen. An Schultagen nehme ich deswegen Tabletten, danach darf ich nichts Süßes essen und habe Bauchweh."