Kolumne "Familie und andere Turbulenzen" Lasst uns froh und munter sein

Geschafft von der Vorweihnachtszeit: Leider ist der Advent selten so besinnlich, wie das Familien gerne hätten.

Den Advent besinnlich zu gestalten, ist im Weihnachtsstress schwer genug. Wenn sich dann auch noch der Rest der Familie weigert, Traditionen zu würdigen, wird die Stimmung schnell unchristlich.

Von Katja Schnitzler

Nicht ein Plätzchen würde die Mutter in diesem Jahr backen. Nicht ein einziges! Weihnachtsschmuck? Gestrichen! Und einen Christbaum würde sie auch nicht nach Hause schleppen, wieder mal allein mit dem Familienschlitten (dem aus Holz).

Ohnehin waren sie Heiligabend bei den Großeltern, deren Tanne hatte Ausmaße für zwei Familien. Alle Jahre wieder verschätzten sich die Großeltern, das Wohnzimmer war stets niedriger als gedacht. Dieser Irrtum kostete den Baum regelmäßig nicht nur die Spitze, sondern gleich den obersten Zweigkranz, so dass er an den Feiertagen bemitleidenswert kopflos wirkte.

Ihr eigenes Wohnzimmer würde in diesem Jahr baumfrei und damit barrierefrei bleiben, beschloss die Mutter. Auf Traditionen legte in dieser Familie ja offenbar außer ihr niemand mehr Wert. Ganz zu schweigen davon, dass jemand ihre Mühen zu schätzen wusste.

Der Vater hatte in den vergangenen Jahren stets laut seufzend und theatralisch schnaufend gegen die Einschränkung seiner Komfortzone protestiert: Weil der Christbaum nur an eine einzige Stelle im Wohnzimmer passte und dabei das Sofa halb verdeckte. Vergangenes Jahr hatte der Vater dann doch tatsächlich vorgeschlagen, eine künstliche Tanne zu besorgen, fertig geschmückt (!) und jederzeit zusammenklappbar (!!).

Die Mutter fluchte recht unweihnachtlich, während sie die sperrigen Schachteln mit dem Adventsschmuck zurück in den Schrank schob. Kugeln und Sterne konnten ihr heuer gestohlen bleiben.

Jahrelang hatte sie mit aller Kraft dem Vorweihnachtsstress getrotzt, um vor allem für die Tochter eine besinnliche Weihnachtszeit zu gestalten. Um Traditionen zu vermitteln, schöne Kindheitserinnerungen zu säen.

Sie hatte mit ihrer Tochter Plätzchen gebacken, trotz des adventlichen Terminwahnsinns (Vorspielen in der Musikschule, Theateraufführung in der Schule, Weihnachtsfeier im Kindergarten, Tanzaufführung im Sportverein, gemeinsames Basteln im Hort und Nikolausfeier in der Kirche). Sie hatte den Adventskranz immer wieder anders dekoriert, den Baum geschmückt und Adventskalender besorgt, sogar rechtzeitig, obwohl der 1. Dezember stets schneller da war als gedacht.

Und was hatte es gebracht? Ihr Mann hatte sich über den Kalender gefreut, während die Tochter (dem kindlichen Mitmach-Alter leider entwachsen, dafür schwer pubertierend) nur gefragt hatte: "Der ist aber nicht mit so einer Billig-Schokolade, oder?" Die Mutter hatte keinen bekommen.

Am Mittag fand sie die Überreste des Adventskalenders auf dem Boden im Zimmer ihrer Tochter, alle Türchen aufgerissen. "Ich ess heute nichts zu Mittag", kommentierte die Tochter und verschwand im Bad. Das Auge der Mutter begann zu zucken.

Auf dem Esstisch stand der neue Adventskranz, die erste Kerze brannte, in diesem Jahr war alles ganz in Rot gehalten. Die Tochter kam aus dem Bad: "Wie spießig ist das denn?", raunzte sie und ging zur Haustür. Das Auge der Mutter zuckte stärker. "Wo willst du hin, wir wollten doch Plätzchen backen?"

Oh je, du Fröhliche!

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