Kinderwunschbehandlung Einst Spenderkind, jetzt Samenspender

Ein Spielplatz in Ost-Berlin; Archivbild aufgenommen im Juli 1976.

(Foto: Frank Sorge/imago)

Björn S. gehört zu den ersten Kindern, die in der DDR durch eine Samenspende gezeugt wurden. Mit 34 hat er das zufällig herausgefunden. Jetzt will er einem lesbischen Paar zu einem Baby verhelfen.

Von Anna Fischhaber

Es klingt fast banal, wenn Björn S. über den Moment erzählt, der sein Leben verändert hat. Er ist 34, als er eines Nachmittags seinen Sohn beim Fußballspielen im Garten beobachtet und bemerkt, dass sich der Sechsjährige wie er selbst bewegt. Es ist nicht das erste Mal, dass ihm diese Ähnlichkeit auffällt, doch diesmal legt sich "plötzlich ein Schalter im Gehirn um", sagt Björn S. heute, zwei Jahre später.

"Ich habe den Gedanken wieder weggeschoben. Das kann nicht sein, habe ich mir gesagt. Aber es half nichts, es ließ mir keine Ruhe mehr", erzählt er am Telefon. Es ist nicht ganz leicht, ihm zu folgen. Er redet laut und aufgeregt, noch immer bewegt von seiner eigenen Geschichte. Irgendetwas habe immer gefehlt während seiner Kindheit in einer Kleinstadt bei Dresden, sagt er. Lange kann Björn S. nicht benennen, was es ist. An jenem Nachmittag hat er plötzlich eine Ahnung.

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Die Eltern blocken ab, als Björn S. davon erzählt. "Du bildest dir das ein", sagen sie, dann wollen sie nicht mehr darüber reden. Doch das verstärkt seine Zweifel nur. Beim nächsten Besuch lässt Björn S. eine Wasserflasche, aus der sein Vater getrunken hat, mitgehen und schickt sie nach Österreich. Gemeinsam mit seiner eigenen Speichelprobe. In Deutschland braucht man für einen DNA-Test die Einverständnis aller Beteiligten, in Österreich nicht. "Ich fühle mich ganz elend, wenn ich daran denke, was ich getan habe", sagt er.

Die Antwort erreicht ihn per Mail, er ist gerade in der Arbeit. Björn S. will zuerst nach Hause fahren, um die Nachricht in Ruhe zu lesen, doch dann hält er es doch nicht aus. Er hält an einem Rastplatz und hier, an der Autobahn, bekommt er endlich Gewissheit. Zu 99,999 Prozent ist der Mann, von dem er 34 Jahre lang dachte, er sei sein Vater, nicht mit ihm verwandt. Björn S. kann es nicht glauben, macht zur Sicherheit einen zweiten Test. Das Ergebnis ist dasselbe.

Es dauert eine Weile, bis Björn S. wieder mit seinen Eltern sprechen kann. Dann fährt er eines Abends nach der Arbeit zu dem Haus, in dem er aufgewachsen ist. Stundenlang sitzt er am Küchentisch, bis er den Mut aufbringt, den Vater aus dem Zimmer zu schicken, um zunächst mit seiner Mutter alleine zu sprechen. "Das hatte ich bis dahin noch nie gemacht. Aber ich wusste ja nicht, ob sie vielleicht eine Affäre hatte oder sogar vergewaltigt worden ist. Ich hatte die schlimmsten Fantasien."

Als Björn S. ihr eine Liebschaft vorwirft, wird sie wütend. Als er ihr von dem Test erzählt und mutmaßt, er sei als Baby vertauscht oder adoptiert worden, verlässt sie das Zimmer. Erst als Björn S. seinen Eltern droht, den Kontakt abzubrechen, beginnt der Vater zu erzählen. Vom jahrelangen Wunsch nach einem Kind, von der eigenen Unfruchtbarkeit und von der Samenspende. Für Björn S. ergibt plötzlich alles einen Sinn. "Alles was ich bislang als Leerstelle gefühlt habe, muss von ihm kommen", sagt er - von seinem zweiten Vater, dem biologischen Vater, dem Samenspender.

"Um einen wesentlichen Teil betrogen"

Die Samenspende ist eine der ältesten Formen der Kinderwunschbehandlung. Medizinisch möglich ist sie bereits seit mehr als 100 Jahren, doch sie gilt lange als moralisch anstößig. Erst 1970 beschließt der Deutsche Ärztetag, Samenspenden nicht mehr als "standeswidrig" anzusehen, empfiehlt aber - aufgrund der rechtlichen Risiken - medizinisch vermittelte Spenden ausdrücklich nicht. Dennoch verbreitet sich die Methode jetzt vor allem an Universitätskliniken. Was wenige wissen, auch Björn S. nicht: Auch in der DDR experimentieren Ärzte mit Samenspenden.

Etwa 800 Kinder werden auf diese Weise bis zur Wende an der Medizinischen Akademie Dresden, dem Vorläufer der Uniklinik, gezeugt. Samenspenden werden damals oft von Hautärzten durchgeführt, die sich auch um Geschlechtskrankheiten kümmern. Die Spender werden meist an der medizinischen Fakultät rekrutiert, die Bezahlung beträgt 50 Ostmark, die Spende gilt als Dienst an der sozialistischen Gesellschaft. Höchstens acht Kinder darf ein Spender so zeugen.

Die Eltern von Björn S. erfahren durch Hörensagen von der Behandlung in der 40 Kilometer entfernten Klinik. 1979 wird hier ihr erster Sohn gezeugt. Zwei Jahre später der zweite, Björn S.. Die Kosten übernimmt der Staat, die Eltern müssen sich wie alle Paare mit Kinderwunsch allerdings notariell verpflichten, nicht nach der Identität des Spenders zu suchen. Viele sprechen damals auch mit ihren Familien nicht über die Fremdbefruchtung, erzählt Hans-Jürgen Held, der damals wie heute Kinderwunschbehandlungen in Dresden durchführt.

Zwei Jahre ist es her, dass Björn S. die Wahrheit über seine Zeugung erfahren hat. In diesen zwei Jahren hat der Historiker die Geschichte der Spenderkinder in der DDR recherchiert und den Arzt, der wahrscheinlich für seine Zeugung verantwortlich war, getroffen. Er hofft, dass seine Akte möglicherweise noch immer in der Uniklinik Dresden liegt. Zur Not will er auf sein Recht pochen, den Namen seines biologischen Vaters zu erfahren. "Vielleicht freut er sich", sagt Björn S. "Vielleicht hat er sich immer gefragt, ob aus seiner Spende ein Kind entstanden ist. Ich würde das wissen wollen." Björn S. ist inzwischen selbst Samenspender geworden. Ausgerechnet das hat ihm geholfen, das Wissen um seine Herkunft zu verarbeiten. Seine Eltern haben in diesen zwei Jahren kein einziges Mal gefragt, wie es ihm damit ergeht.