Kinder - der ganz normale Wahnsinn So gehst du mir nicht aus dem Haus!

Weder nett noch adrett: Mädchen in der Pubertät kleiden sich nicht mehr nach den Wünschen der Eltern.

(Foto: J. Hosse)

Der Rock war vor einem halben Jahr noch ein Gürtel, der Ausschnitt endet kurz vor dem Bauchnabel und die Eltern erkennen die brave Tochter nicht wieder. Beim Streit über die Kleiderwahl von pubertierenden Mädchen fallen dann Sätze, die Mütter und Väter eigentlich niemals sagen wollten.

Eine Kolumne von Katja Schnitzler

Und dann sagte die Mutter diesen Satz, den sie zuletzt vor 30 Jahren von ihrer eigenen Mutter gehört hatte. Damals hatte sie sich geschworen, falls sie jemals Kinder haben sollte, dass sie niemals, nie in ihrem Leben diesen Satz über die Lippen bringen würde. Er war fast so schlimm wie "Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst ...". Doch nun brach die Mutter ihren Schwur, sagte diesen Satz, ach was, zischte ihn, blass vor Wut: "Sssso gehst du mir jedenfalls NICHT aus dem Haussss!"

Vor ihr stand ihre Teenager-Tochter in Shorts, die den Po-Ansatz nicht nur erahnen ließen, und einem Oberteil mit so weitem Ausschnitt, dass sich die Tochter nicht einmal vorlehnen musste, um den Blick auf ihren Bauchnabel freizugeben. Nur dürfte sich wohl kaum jemand für den Nabel interessieren.

Hinter der Mutter lag eine hitzige Diskussion über Mindestlängen, über Ursache und Wirkung und über Absatzhöhen, die für eine Jugendliche nicht nur gesundheits- sondern auch rufschädigend seien. Leider prallten ihre immer erregter vorgebrachten Argumente an der pubertären Überzeugung ab, dass Eltern niemals recht haben und ihre Ansichten per se überholt sind.

Es war noch gar nicht so lange her, da hatte die Tochter beim Kleiderkauf höchstens darauf geachtet, dass sie in den Hosen gut klettern, radeln, rennen konnte und auf dem Shirt vielleicht ein Tierkind aufgedruckt war. Heute kletterte, radelte und rannte ihre Tochter nicht mehr. Kein Wunder, bei den Absätzen.

Diese Veränderung war mit dem Schulwechsel und neuen Freundinnen gekommen. Die studierten Modehefte mit derselben Intensität wie früher Pferdecomics. Nun wünschten sich die Mädchen nicht mehr ein eigenes Pony, was argumentativ leicht abzuwenden war (kein Geld, kein Platz, keine Zeit - generell zu groß). Jetzt erfüllte sich die Clique ihre Wünsche einfach selbst, zog allein los und kehrte mit Einkäufen zurück, die auf roten Teppichen nicht aufgefallen wären. Beim Bäcker an der Ecke aber durchaus.

Doch wenn die Mutter jetzt argumentierte (zu kurz, zu tief, zu übertrieben - generell zu sexy für 14-Jährige) und das trotzige Kind zum Kleider-Umtausch schickte, würde es sich die Mode seiner Wahl einfach von Freundinnen leihen, deren Eltern "viel toleranter, modischer, netter sind als ihr!". Vielleicht hatten sie auch ein Kleider-Geheimversteck auf dem Weg zur Schule, in dem sie sich von netten Mädchen in aufreizende Lolitas verwandelten und dann die Arbeit auf einer Großbaustelle lahmlegten.

So berichtete die Nachbarin, sie habe die Tochter vor der Schule neulich gar nicht erkannt. Sie habe gedacht, die Tochter sei "nun ja, eine ... sagen wir ... also ... sah sie so anders aus in dem kurzen Röckchen. Und in dem Top. Und mit der Schminke".

Und so sagte die Mutter am folgenden Tag diesen Satz an der Haustür. Noch während sie ihn zischte, sah sie, wie die Tochter sich innerlich verschloss. Auch für sie war die Diskussion beendet. Langfristig. Das hatte die Mutter nicht gewollt. Sie atmete tief ein und dachte daran, wie sie sich damals gefühlt hatte, als ihre Mutter diesen Satz gesagt hatte: gekränkt, unverstanden, ungeliebt. Schließlich hatte auch sie sich mit viel Sorgfalt gestylt, auch wenn man das damals noch nicht so nannte.

"Also gut", sagte sie daher zu ihrer Tochter, "ich habe dir ja erklärt, dass ich mir Sorgen mache, wenn du dich so aufreizend anziehst. Aber du bist alt genug, das zu entscheiden. Ich sage dazu ab sofort nichts mehr." Die Tochter war misstrauisch ob des plötzlichen Sinneswandels: "Gilt das auch für Omas Geburtstag am Wochenende?"

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