Italiener Italiener sagen: Deutsche kümmern sich in Europa nur um sich selbst

Im Urlaub entspannt der Deutsche gern. Entsprechend entspannt kommen ihm auch die italienischen Gastgeber vor.

(Foto: Stephan Rumpf)

Eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt: Bei der Selbst- und Fremdwahrnehmung zwischen Italienern und Deutschen gibt es teilweise große Diskrepanzen.

Von Oliver Meiler, Rom

Eros Ramazzotti schlägt Immanuel Kant deutlich. Und das sollte schon mal zu denken geben. Wenn man Deutsche fragt, wie es die Friedrich-Ebert-Stiftung für eine neue Studie tat, welche Kulturpersönlichkeit aus Italien ihnen auf Anhieb in den Sinn komme, nennen 29 Prozent den Sänger aus Rom. Immerhin 26 Prozent denken an den unlängst verstorbenen Autor Umberto Eco, 22 Prozent an die Schauspielerin Sophia Loren.

Fragt man aber die Italiener nach deutschen Persönlichkeiten, kommt zunächst lange nichts. Dann erinnern sich manche an den Philosophen Kant und an den Komponisten Ludwig van Beethoven (je acht Prozent), an Johann Wolfgang von Goethe (sieben Prozent) und Marlene Dietrich (vier Prozent). Zeitgenössische Figuren? Nur Wim Wenders. Der war immerhin oft in Venedig beim Filmfestival.

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Italien und Deutschland erleben gerade sehr unterschiedliche Momente

Wie gut kennt man sich eigentlich in Europa? Interessiert man sich füreinander? Decken sich Selbst- und Fremdwahrnehmung der politischen und wirtschaftlichen Lage - wenigstens ein bisschen?

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat im Sommer eine große Umfrage zum italienisch-deutschen Verhältnis in Auftrag gegeben, das ja nun, da in Brüssel wieder über Budgetdisziplin und Sparpolitik gestritten wird, von einiger Bedeutung ist. Die beiden Länder, das geht aus der Befragung von 1200 Italienern und 1000 Deutschen hervor, erleben gerade sehr unterschiedliche Momente in ihrer Geschichte. Während Italien noch immer nicht aus der Krise findet, wächst Deutschlands Wirtschaft seit Jahren solide.

Entsprechend unterschiedlich sind die Sorgen: Für die meisten Italiener (48 Prozent) steht der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ganz oben; nur halb so viele Deutsche sorgen sich um den Job. Die Deutschen beschäftigt stattdessen die Bewältigung des Flüchtlingsandrangs sehr stark (43 Prozent); als Mittelmeerstaat ist Italien von dem Phänomen ebenfalls direkt betroffen, sieht darin aber eine geringere Dringlichkeit.

Für immer mehr Italiener überwiegen die Nachteile einer EU-Mitgliedschaft

Eklatant sind die Differenzen bei der Sicht auf die Europäische Union und deren Institutionen. Früher zählten die Italiener zu den enthusiastischsten Europäern. Seit einigen Jahren aber schwindet die Euphorie. Gemäß der Studie finden mittlerweile 43 Prozent der Italiener, dass die Nachteile der EU-Mitgliedschaft überwiegen; nur 21 Prozent sind vom Gegenteil überzeugt. Die Deutschen sehen es umgekehrt, und zwar auf den Prozentpunkt genau: Für 43 Prozent sind die Vorteile bedeutsamer.

Noch markanter ist die Diskrepanz bei der Wahrnehmung des Euro. 53 Prozent der Italiener glauben, dass die Einführung der Einheitswährung die Entwicklung ihres Landes gebremst hat, früher befeuerte die Abwertung der Lira die Exporte. Nur 19 Prozent denken, Italien würde es noch schlechter gehen, wenn es den Euro nicht gäbe.

Deutsche halten sich selbst für flexibel - nur jeder fünfte Italiener sieht das ähnlich

In Deutschland hingegen sind 41 Prozent der Befragten der Meinung, dass der Euro die deutsche Wirtschaft begünstigt hat. Letzteres finden freilich auch die Italiener, und das trägt nicht unbedingt zur guten Verständigung bei. Rund zwei Drittel der befragten Italiener sagen, Deutschland kümmere sich auf europäischer Ebene in erster Linie um seine eigenen Interessen. Viele Deutsche wiederum halten Italien für ein "Nehmerland", obschon es zu den fünf größten Nettozahlern der EU gehört.

Interessant und auch etwas folkloristisch wird es, wenn die typischen Tugenden der beiden Völker verhandelt werden. So halten sich die Deutschen zum Beispiel selbst für äußerst "flexibel" (67 Prozent), während nur jeder fünfte Italiener Flexibilität als "typisch deutsch" erachtet. Ähnlich stark gehen die Wahrnehmungen bei "hilfsbereit" und "großzügig" auseinander. Konsens im hohen Prozentbereich herrscht dagegen bei "akkurat" und "sparsam".

Ausgeprägte Selbstkritik der Italiener

Bei den Mentalitätsmerkmalen, die als "typisch italienisch" gelten, decken sich Fremd- und Selbstsicht fast in jedem Punkt, was an der ausgeprägten Selbstkritik der Italiener liegt - nur bei "genießerisch" driften die Werte stark auseinander. 92 Prozent der Deutschen halten die Italiener für Genießer, während nur 66 Prozent der Italiener sich selbst so sehen. Woher dieser schwärmerische Blick der Deutschen auf die Italiener kommt? Vielleicht von ihren Urlauben.

Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, auf die in diesem Text Bezug genommen wird, ist noch nicht veröffentlicht. Die Süddeutsche Zeitung hat sie exklusiv vorab erhalten.

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