Fliegenfischen Angeln für Selbstoptimierer

"Wie der Django beim Schießen". Jean-Pierre Vollrath, Fliegenfisch-Lehrer, bei der Arbeit.

(Foto: Vollrath)

Fischen gilt als ökologisch feines Hipster-Hobby. Fliegenfischen geht noch weiter: Es ist wie Schach - und die Fische sind nur Statisten. Ein Versuch.

Von Martin Wittmann

Das Angeln, die alte Tante, hat in den vergangenen Jahren eine Karriere hingelegt, wie sie der fleißigste PR-Manager nicht hätte planen können. Zur Erinnerung: Fischen war mal eine barbarische Essensbeschaffungsmaßnahme, eine ekelhafte Langweiler-Tradition. Glitschig, schuppig, stinkend, bäh.

Heute gilt Fischen als ökologisch feines Hipster-Hobby und mehr noch: als meditative Auseinandersetzung mit Instinkt und Urtrieb, als Yoga-Alternative für ausbrennende Männer. Als Begegnung des Geistes mit der Natur, bis zu dem (den Menschen erlösenden) Zuschnappen des Tiers und dem (das Tier erlösenden) Totschlag.

Verspannte Männer lernen am Wasser das Loslassen, Verkrampfungen lösen sich, die Jagd ist eröffnend. Praxisnäher ausgedrückt: Ein Fischfang ist wohl die einzige Gelegenheit, bei der sonst fotoscheue Männer lächelnd nach einer Kamera verlangen. Auf den Bildern sehen sie glücklich und befreit aus.

Fliegenfischen wird immer beliebter

Aber Angeln ist nicht gleich Angeln. Besonderen Auftrieb innerhalb der Boom-Branche genießt: das Fliegenfischen.

Etwa 40 000 Fliegenfischer gibt es bereits in Deutschland, schätzt das Magazin FliegenFischen, das seine Auflage von Jahr zu Jahr steigert.

Bei der Königsdisziplin der Angler wird nicht einfach nur eine Rute mit Wurm in die Tiefe gelassen und biertrinkend auf Action gewartet. Stattdessen schwingt der Angler seine Rute gefühlvoll vor und zurück, bis die Schnur in der Luft lassohafte Kreise zieht und der kunstvoll gebundene Köder schließlich punktgenau beim vermuteten Fisch landet.

So ästhetisch und angesehen ist seit jeher diese Angelart, dass sie gar nicht erst auf die gestresste Postmoderne zu warten brauchte, um petri-heillos überhöht zu werden: "In unserer Familie", lautet der erste Satz des Romans "Aus der Mitte entspringt ein Fluss", der in den Zwanzigerjahren spielt, als die Angelegenheit noch kein Hightech-Kohlefaser-Sport war, und in den Siebzigern von Norman Maclean geschrieben wurde, "gab es keine klare Trennungslinie zwischen Religion und Fliegenfischen."

Unterricht im Fliegenfischen an einem geheimen Fluss

An einem vernieselten Vormittag in Oberbayern, an einem wundervollen Gewässer, das sich mal seicht über dicke Steine plätschernd, mal knietief fließend durch die Voralpen windet. Wer der ewigen und ewig neuen Faszination für das Fliegenfischen nachspüren möchte, sucht wohl am besten hier, an diesem namenlosen Fluss.

Der Fluss soll anonym bleiben, so wünscht es sich Jean-Pierre Vollrath. "Wenn eine schöne Fliegenstrecke in der Presse vorgestellt wird, kannst du sie die nächsten zwei Jahre vergessen. Die ist dann komplett überlaufen", sagt der Fliegenfisch-Lehrer, während sein Blick eine Schülerin fixiert.

Die Japanerin steht ein paar Meter weiter bis zu den Knöcheln im Fluss. Über den wasserfesten Schuhen trägt sie schwarze Neopren-Gamaschen, ihre graue Wathose reicht ihr bis an die Brust, die Jacke ist braun und weit. Aus der Ferne sähe sie aus wie Gerhard Schröder beim Elbe-Hochwasser, nur eben in Grunge-Farben - wäre da nicht die Rute in ihrer rechten Hand.

Die Schülerin steht flussaufwärts, hat einen festen Stand, laut Vollrath "wie der Django beim Schießen". Den angewinkelten rechten Arm kippt sie im Takt vor und zurück, das Handgelenk bleibt steif. Die Schnur, die oben die Angel verlängert, streckt sich, wird meterweit nach vorne, nach hinten und wieder nach vorne geschleudert. Drei, vier Mal nimmt die Frau auf diese Weise Anlauf, während sie mit der linken Hand weitere, aus der Rolle gezogene Schnur freigibt, um die Reichweite zu verlängern.

Grund für das aufwendige Prozedere: Die Fliege ist viel zu leicht, als dass sie einfach nach vorne katapultiert werden könnte. Weil weder Blei noch schwere Köder benutzt werden (wie bei den simpleren Varianten Grundangeln und Spinnfischen), kann beim Fliegenfischen einzig mit dem Gewicht der Schnur gespielt werden.

Wer einmal mit der Fliege fischt, fischt immer mit der Fliege

Für viele Angler - die meisten beginnen mit den einfacheren Methoden - ist der Schritt hin zum Fliegenfischen erst mal eine Überwindung. Aber: "Ich kenne keinen einzigen Rückfaller", sagt Vollrath, der selber von klein auf nur mit der Fliege fischt.

Endlich, mit einer letzten Vorwärtsbewegung, lässt seine Schülerin die Schnur nach vorne schießen. Die Schnur und das Fliegenimitat an ihrer Spitze sinken auf die Wasseroberfläche, genau ans Ziel: an eine vielleicht acht Meter entfernte ruhige Stelle vor einem Stein, an der es sich ein Fisch gemütlich gemacht haben könnte. Der sollte nun die falsche Fliege schnappen, und zack, dank eines kurzen Rucks an der Angel, an der Schnur zappeln. Das wäre eine konservative Schätzung des Fortlaufs.

Aber natürlich kommt es nicht so weit. Weil es sich zwar tatsächlich eine Forelle an der ausgesuchten Stelle gemütlich gemacht hat, aber die Japanerin nicht weniger gemütlich unterwegs ist und den entscheidenden Ruck verpasst hat, besser gesagt: verpassen hat wollen. Sie will den Fisch ja gar nicht (hätte sie ihn gefangen, dürfte sie das lebende Tier übrigens nicht wieder in den Fluss werfen - dieses "Catch and Release" ist in Deutschland weitgehend verboten).