Expertentipps zur Erziehung "Beim Fernsehen belügen sich Eltern selbst"

Fernsehen fasziniert, allerdings nicht nur Kinder.

(Foto: Thomas K. / photocase.com)

Wie lange dürfen Kinder vor dem Fernseher sitzen, ab welchem Alter und müssen Eltern wirklich die ganze Zeit dabeibleiben? Medienexperte Thomas Feibel über Bildschirmzeiten und veränderte Sichtweisen.

Interview: Katja Schnitzler

Du sollst nicht fernsehen, predigen Eltern, aber schauen selbst ganz gerne Spielfilme, Talkshows oder Serien. Thomas Feibel, Experte für Kindermedien, über das zwiespältige Verhältnis zum Medium Fernsehen.

Süddeutsche.de: Wenn Kinder den Fernseher anschalten, leeren sich ihre Gesichter, sie sind kaum noch ansprechbar. Schalten Kinder da völlig ab?

Thomas Feibel: Vielleicht konzentrieren sie sich einfach besonders stark auf die Handlung. Ich kenne Fotos von diesen Kindergesichtern, aber ich finde das ein wenig unfair. Wir sehen vielleicht ganz ähnlich aus, wenn wir einen Film ansehen. Viele Eltern schärfen ihren Kindern ein, dass zu viel Fernsehen schadet. Aber bei ihnen selbst macht es oft einen Großteil der Freizeit aus. Und Kinder merken sehr genau, wann Eltern fernsehen. Zumindest das Einschalten bekommen sie kurz vor dem Einschlafen noch mit.

Sind wir unseren Kinder beim Fernsehen gute Vorbilder?

Kinder ahmen schon beim Fernsehen nach, aber weniger die Sendungen, sondern uns Erwachsene: Sie beobachten ganz genau, wie wir mit dem Fernsehen umgehen und merken, dass es nicht immer mit der Realität übereinstimmt, was ihnen die Eltern über Fernsehkonsum erzählen.

Welche Aussagen über unser Fernsehverhalten stimmen denn nicht?

Erwachsene sehen meistens zur Entspannung fern, ältere Kinder auch. Doch wir wollen uns das oft nicht eingestehen, weil wir ein gespaltenes Verhältnis zum Fernseher haben. Während Kinder noch offen sagen, dass ihnen fernsehen Spaß macht, würde das ein Erwachsener nicht zugeben: Er entschuldigt sich eher dafür, seine freie Zeit so zu vergeuden. Ganz typisch ist der Satz: "Ich war gestern so erledigt, dass ich nur noch ein wenig ferngesehen haben." Da ist man nicht ehrlich zu sich - und zu den Kindern auch nicht. Denen hält man vor: "Du kannst doch deine Lieblingssendung auch mal ausfallen lassen!" Aber am Sonntag sind in vielen deutschen Haushalten um Schlag acht Uhr abends die Kinder im Bett, damit sie beim "Tatort" nicht stören. Da messen Eltern mit zweierlei Maß. Das sollten sie sich bewusst machen, bevor sie das nächste Mal ihren Kindern Vorhaltungen wegen zu langem Fernsehen machen.

Aber ist Fernsehen nicht manchmal auch ein Segen für gestresste Eltern?

Wenn Kinder vor dem Bildschirm hocken, können Mütter und Väter natürlich ein ungestörtes Telefonat führen oder Abendessen kochen. Nur vergessen sie dann schnell, darauf zu achten, dass das Kind nach einer halben Stunde wirklich - wie vereinbart - den Fernseher wieder ausschaltet. Den Ärger über sich selbst muss dann meist das Kind ausbaden. Dabei wissen wir doch selbst, wie schnell man sich in spannenden Sendungen verliert und nicht mehr auf die Uhr achtet. Das müssen schon die Eltern tun und zum Beispiel nach 20 Minuten ankündigen, dass in zehn Minuten oder nach dieser Sendung Schluss ist.

Es gibt ja auch Kindersicherungen, die nach einer halben Stunde einfach ausschalten. Was halten Sie davon?

Darauf werde ich oft bei Vorträgen angesprochen, aber ich finde, Erziehung sollten wir nicht einem Gerät überlassen. Stellen Sie sich vor, bei Ihrem Film wird an der spannendsten Stelle der Strom abgeschaltet! Außerdem nimmt einem das die Gelegenheit zu Verhandlungen: Du darfst heute zehn Minuten länger schauen, dafür aber morgen zehn Minuten kürzer.