Diskussion um Frauenkörper Die Norm und der Kapitalismus

Wer erfolgreich sein will, der tut also gut daran, den Normen zu entsprechen, auch wenn der Zusammenhang zwischen dem Gewicht einer Frau und ihren Fähigkeiten als Finanzchefin sich objektiv betrachtet nicht aufdrängt. Daher rennen viele Frauen, die über das tief dekolletierte Fotomodell die Nase rümpfen, selbst in teure Sportkurse, um den Körper in Form zu halten. Ähnliche Regeln gelten Bührmann zufolge allerdings auch für Männer. "Erfolgreiche Männer sind heute häufig groß, sportlich, weiß, tragen keinen Bart und sind mit einer attraktiven, dezent gestylten Frau verheiratet, also heterosexuell, und rauchen nicht", sagt die Soziologin.

Auch gebe es strenge Kleidungsregeln. "Sie werden in Deutschland ebenso wenig einen hochrangigen Manager in kurzen Hosen wie eine hochrangige Managerin in kurzem Minirock antreffen. Stattdessen herrschten strenge, unauffällige Kostüme in gedeckten Farben vor. "So gesehen stecken beide Geschlechter in einer Art Zwangsjacke." Wie groß die Verwirrung ist, wenn eine oder einer mal aus der Zwangsjacke ausbricht, das zeige sich zum Beispiel an der Aufregung, die Bilder von Kanzlerin Angela Merkel im tief ausgeschnittenen Ballkleid ausgelöst hätten, sagt Bührmann.

Männer müssen Feministen werden

Es ist ein Missverständnis, dass sich der Kampf um Gleichberechtigung gegen sie richtet. Der Feminismus kann Männer und Frauen befreien. Von Karin Janker mehr ... Essay - Die Recherche

Doch trotz aller Gemeinsamkeiten: Das Diktat des idealen Körpers trifft Frauen immer noch härter als Männer, sagen Forscher. Die Sozialwissenschaftlerin Lisbeth Trallori nennt in "Der Körper als Ware - Feministische Interventionen" die gesellschaftlichen Machtverhältnisse als Grund dafür. Die Macht läge immer noch größtenteils bei heterosexuellen Männern. Und die nähmen Frauen hauptsächlich über ihr Aussehen wahr, anders als die eigenen Geschlechtsgenossen, bei denen noch ein paar andere Kriterien eine Rolle spielten. Die Frau als Objekt, als Körper, als "das andere" - da ist es wieder, das alte Konzept.

Selbstkontrolle als oberstes Prinzip

Das Ideal des schlanken und gesunden Körpers ist für Trallori außerdem Ausdruck einer neoliberalen Körperpolitik. Die Fitness-, Gesundheits- und Schönheitsindustrie weise den Menschen den Weg hin zu einer vermeintlich besseren, vernünftigeren, gesünderen Lebensführung - und letztlich zu einem im kapitalistischen Sinne besser verwertbaren Menschen. Zum einen ist er das als Konsument: Dank der Verheißungen des Marktes müsse niemand mehr hinnehmen, zu dick oder zu flachbrüstig zu sein, eine zu große Nase oder Haare an der falschen Stelle zu haben. Und zum anderen wird der gesunde und gestählte Mensch zum perfekt einsetzbaren Humankapital.

Selbstkontrolle wird so Trallori zufolge zum obersten Prinzip. Dem kann jede Einzelne und jeder Einzelne natürlich entgegensetzen: Es geht mir doch um meine Gesundheit! Ich mache das nur für mich selbst! Und klar, es ist nicht moralisch falsch oder gar verurteilenswert, wenn jemand schlank und im gesellschaftlich akzeptierten Sinne schön sein will. Was ist freier Wille, was ist Vernunft, was ist Zwang? Darauf gibt es keine letztgültige Antwort. Doch wenn es tatsächlich nur um eine individuelle, völlig entspannte Entscheidung ginge, dann wäre wohl der Drang nicht so ausgeprägt, alle zu bestrafen, die von der Norm abweichen.

So ist die einfachste Formel für ein erfolgreiches, unbehelligtes Leben leider: Finde zu dir selbst - aber nur, wenn dein Selbst gesund, aktiv, schlank und sportlich ist. Wer ein anderes Selbst hat, hat Pech gehabt. Germany's Next Topmodel lässt grüßen. Und die Aufgabe der strengen Jury - gegenüber anderen, aber noch mehr gegenüber dem eigenen Körper - übernehmen wir allzu oft selbst. Echte Freiheit sieht anders aus.

"Wie viel Gleichberechtigung brauchen wir noch?" Diese Frage hat unsere Leser in der achten Runde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Das folgende Dossier soll sie beantworten.