Süddeutsche Zeitung

Diskussion um Frauenkörper:Zu dick, zu dünn, zu nackt, zu angezogen

Dicke Frauen sollen keine engen Kleider tragen, Mütter nicht im Café stillen. Der weibliche Körper ist Kampfzone.

Von Hannah Beitzer

Du bist nicht dick, Du bist schön. Hör auf, Dich dick zu nennen! Hast Du abgenommen? Nett gemeint sind sie, diese Kommentare. Doch sie stören die Modebloggerin Luciana Blümlein. "Ich bin dick - und schön ", sagt die 26-Jährige aus Hamburg. Für die 1,60 Meter große Frau, die mal Kleidergröße 42, mal Größe 48 trägt, ist das kein Widerspruch. Für einige ihrer Leserinnen und Leser aber sehr wohl. Dann gehören Kommentare wie die oben zu den erfreulicheren.

Seit 2009 zeigt Blümlein auf "Lu zieht an" ihre liebsten Outfits: bunte, auffällig gemusterte Kleider, taillierte Röcke zu kirschroten Lippen und großen Sonnenbrillen. Sie hat Erfolg damit, ihre Bilder sehen großartig aus. Doch manchmal begegnet ihr auch unverstellter Hass. "Zu Beginn war ich noch schlanker und trotzdem gab es viele böse Kommentare: Ich sei fett und zöge mich unvorteilhaft an", erzählt Blümlein. Zeitweise musste sie die Kommentarfunktion ausschalten. "Oft sind Frauen, die selbst dick sind, am gemeinsten", sagt Blümlein.

Anschauen, abchecken, beurteilen, verurteilen

Für die Bloggerin gehören ihre Kommentare zum Geschäft. Sie verdient ihr Geld natürlich in erster Linie damit, dass sie in ihren Outfits in den Augen vieler Fans toll aussieht, ein Vorbild ist. Aber eben auch damit, dass andere sie anschauen, beurteilen, zuweilen verurteilen. Sowohl Blümleins Erfolg als auch die Ablehnung, die ihr widerfährt, beruhen darauf, dass sie aus der Norm fällt.

Eine Frage liegt dabei nahe: Warum guckt denn jemand, der mit dicken Frauen ein Problem hat, den Blog einer dicken Frau an - nur um reihenweise fiese Kommentare abzulassen? Es gibt schließlich genügend Blogs dünner Frauen, an denen der- oder diejenige sich ohne Wut erfreuen könnte.

Was Blümlein erlebt, erleben jedoch viele Frauen Tag für Tag: angeschaut werden, beurteilt werden, verurteilt werden. Da ist der Typ, der einer in der U-Bahn hinterherruft: Boah, guck mal den Arsch an! Da ist die Kollegin, die mit einem Blick auf den Bauch fragt: Bist du schwanger? Oder die Oma, die sagt: Kind, iss doch mal was, Männer mögen Kurven. Da ist das Getuschel über die kurze Hose: Dass die sich das traut, mit den Beinen! Da ist das Naserümpfen über das tiefe Dekolleté: ganz schön nuttig. Der Kommentar zum Kopftuch: Du hast doch bestimmt voll schöne Haare, zeig die doch mal!

Ungesunde Körperbilder

Zu dick, zu dünn, zu nackt, zu angezogen - kann ich mit meinem Körper eigentlich irgendwas richtig machen? Das fragt sich manche Frau.

Aber warum muss das überhaupt sein, dieses ständige Abchecken, Naserümpfen, Anerkennen, Aberkennen? "Sobald Mädchen auf die Welt kommen, werden sie kontinuierlich darauf getrimmt, sich auch wie eines zu verhalten", sagt Luciana Blümlein. Schlank sein als Synonym für Schönheit sei ein essentieller Bestandteil davon. "Das fängt damit an, dass die Mutter Diät macht und geht in den Medien weiter. Dazu muss man sich nur Germany's Next Topmodel anschauen." Wer gegen die propagierten Regeln der Weiblichkeit verstoße, müsse mit Ablehnung rechnen - gerade von denen, die selbst unter den Regeln leiden, sich ihnen aber beugen.

Die von Blümlein erwähnte Pro-Sieben-Sendung Germany's Next Topmodel steht exemplarisch für vieles, was im Umgang mit Frauenkörpern falsch läuft. Kein Wunder, dass sie seit Jahren in keiner Diskussion zum Thema fehlt. Dabei ist das Problem gar nicht mal so sehr, dass die teilnehmenden Mädchen sehr dünn sind. Mehr noch als um die propagierten Modelmaße geht es in der Sendung schließlich darum, die Mädchen und ihre Körper nach dem Willen der Juroren, der Kunden und der Zuschauer zu formen.

Zieh dich aus, schneid dir die Haare ab, häng dich kopfüber aus einem Hubschrauber, spiel deine Rolle, schmeiß dich dem "Male-Model" an den Hals - und noch vielmehr der Jury. Zeig "Personality"! Aber nur, wenn sie zu den Anforderungen des Kunden passt.

Woher kommen Vorstellungen von Weiblichkeit?

So vermittelt die Sendung auf mehreren Ebenen verstörende Bilder von Frauen und ihren Körpern. Sowohl für diejenigen der jungen Zuschauerinnen, die das dort propagierte Körperideal nie erreichen werden und darunter leiden. Als auch für diejenigen, die sich köstlich darüber amüsieren, wie sich eine Reihe als "magersüchtig" verspotteter Mädchen für einen karrieremäßig ziemlich nutzlosen Titel erniedrigt.

Aber woher kommen derartige Bilder von Weiblichkeit, woher kommt der Drang, Frauen und ihre Körper zu beobachten und zu bewerten? Die Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen sucht in ihrer Abhandlung "Die imaginierte Weiblichkeit" in der Literatur nach historischen Frauenbildern. Und wie viele davon gibt es da! Die Frau ist die schöne Verführerin, die Mutter, die Empfindsame, die Tugendhafte.

Einen wichtigen Punkt macht Bovenschen zu Beginn ihrer Betrachtungen. Denn entworfen wurden diese Bilder lange Zeit hauptsächlich von Männern. Frauen, das waren in den Augen der Autoren mythische, naturverbundene, emotionsgetriebene Wesen, das Objekt männlicher Betrachtungen und Begierden. Vor allem aber waren sie irgendwie anders, die Abweichung von der (männlichen) Norm. Das Von-außen-Beurteilen, Bewerten hat also schon eine lange Tradition.

Frauen als Objekte

Und heute? "Frauen werden immer noch zu sehr als Objekt betrachtet", sagt Modebloggerin Blümlein. "Da ist es okay, mit nackten Frauenbrüsten für ein Auto zu werben, denn sie sind ja dazu da, dem männlichen Zuschauer zu gefallen. Aber anderseits ist es für viele nicht okay, wenn eine Frau in einem Café ihre Brust rausholt und ihr Baby stillt. Weil es dann nicht um das Vergnügen des Betrachters geht."

Gott sei Dank ist es so, dass Frauen längst nicht mehr nur Objekt sein wollen und sich erfolgreich aus den ihnen zugeschriebenen Rollen befreien. Die feministische Autorin Laurie Penny sieht in diesem Prozess die Kontrolle von Frauenkörpern als einen Abwehrkampf derer, die die alte Ordnung bewahren wollen. Wie das funktioniert? Die britische Journalistin berichtet in ihrem Buch "Meat Market - Female Flesh and Capitalism" von ihrer eigenen Essstörung, die ihr Interesse an Politik, Literatur und Musik schwinden ließ, weil sie nur noch über Essen sprach, an Essen dachte.

Vor so einer Frau müsse niemand Angst haben - denn statt der Revolution beschäftige sie ein möglichst geringer Kalorienverbrauch. Das ist für Penny der Grund dafür, warum Mädchen einerseits so vehement eingeredet werde, Schlanksein sei das erstrebenswerteste überhaupt und warum anderseits genüsslich über erfolgreiche, prominente Frauen berichtet werde, die unter Essstörungen litten. Denn die bewiesen für den mitleidigen Beobachter vor allem eins: Frauen kommen mit Erfolg nicht klar.

Körperregeln für Karrierefrauen

Nun leidet nur eine Minderheit der Frauen an so schweren Essstörungen, wie Penny sie beschreibt. Und vielen Frauen ist es schon lange gelungen, die angestammten Rollen und Räume zu verlassen. Es gibt zum Beispiel taffe, gebildete und gut verdienende "Karrierefrauen", die dem traditionellen Konzept von Weiblichkeit oft entgegengestellt werden. Können diese Frauen, die sich mehr um ihr Gehalt als um ihre Schönheit sorgen, das ganze Körperthema endlich abschließen?

Leider nein. Denn auch im Job gibt es Körperregeln, sagt die Soziologin Andrea Bührmann von der Universität Göttingen. Der augenfälligste Beweis: Große und dünne Menschen machen eher Karriere als kleine und dicke. Bührmann erklärt das mit dem Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu: "Menschen entwickeln bestimmte Körperformen auch aufgrund von Verhaltensweisen, an denen sich sehr einfach erkennen lässt, welchen sozialen Status sie haben." Sie mögen und essen bestimmte Dinge - dick machende Pommes oder Austern. Sie tragen eine bestimmte Art von Kleidung und Schmuck - Jeans oder Anzug. Und sie sprechen natürlich auch über bestimmte Themen - den Campingurlaub oder die letzte Opernaufführung.

Schlanksein werde in unserer Gesellschaft als Zeichen von Disziplin, Dynamik und damit Erfolg gewertet. "Wenn Menschen eine dicke Frau sehen, die Pommes isst, würden sie eher nicht auf die Idee kommen, dass sie eine erfolgreiche Managerin ist", sagt Bührmann. Dicken Menschen hafte der Ruf an, undiszipliniert zu sein. Auch eine Kopftuchträgerin oder eine Frau mit dunkler Haut halten viele Menschen hierzulande eher für eine Putzfrau oder ein Zimmermädchen als für die Chefin der Finanzabteilung, das zeigen viele Erfahrungsberichte. Wollen sie sich durchsetzen, müssen sie größere Widerstände überwinden als eine, die den Vorstellungen auf den ersten Blick entspricht.

Die Norm und der Kapitalismus

Wer erfolgreich sein will, der tut also gut daran, den Normen zu entsprechen, auch wenn der Zusammenhang zwischen dem Gewicht einer Frau und ihren Fähigkeiten als Finanzchefin sich objektiv betrachtet nicht aufdrängt. Daher rennen viele Frauen, die über das tief dekolletierte Fotomodell die Nase rümpfen, selbst in teure Sportkurse, um den Körper in Form zu halten. Ähnliche Regeln gelten Bührmann zufolge allerdings auch für Männer. "Erfolgreiche Männer sind heute häufig groß, sportlich, weiß, tragen keinen Bart und sind mit einer attraktiven, dezent gestylten Frau verheiratet, also heterosexuell, und rauchen nicht", sagt die Soziologin.

Auch gebe es strenge Kleidungsregeln. "Sie werden in Deutschland ebenso wenig einen hochrangigen Manager in kurzen Hosen wie eine hochrangige Managerin in kurzem Minirock antreffen. Stattdessen herrschten strenge, unauffällige Kostüme in gedeckten Farben vor. "So gesehen stecken beide Geschlechter in einer Art Zwangsjacke." Wie groß die Verwirrung ist, wenn eine oder einer mal aus der Zwangsjacke ausbricht, das zeige sich zum Beispiel an der Aufregung, die Bilder von Kanzlerin Angela Merkel im tief ausgeschnittenen Ballkleid ausgelöst hätten, sagt Bührmann.

Doch trotz aller Gemeinsamkeiten: Das Diktat des idealen Körpers trifft Frauen immer noch härter als Männer, sagen Forscher. Die Sozialwissenschaftlerin Lisbeth Trallori nennt in "Der Körper als Ware - Feministische Interventionen" die gesellschaftlichen Machtverhältnisse als Grund dafür. Die Macht läge immer noch größtenteils bei heterosexuellen Männern. Und die nähmen Frauen hauptsächlich über ihr Aussehen wahr, anders als die eigenen Geschlechtsgenossen, bei denen noch ein paar andere Kriterien eine Rolle spielten. Die Frau als Objekt, als Körper, als "das andere" - da ist es wieder, das alte Konzept.

Selbstkontrolle als oberstes Prinzip

Das Ideal des schlanken und gesunden Körpers ist für Trallori außerdem Ausdruck einer neoliberalen Körperpolitik. Die Fitness-, Gesundheits- und Schönheitsindustrie weise den Menschen den Weg hin zu einer vermeintlich besseren, vernünftigeren, gesünderen Lebensführung - und letztlich zu einem im kapitalistischen Sinne besser verwertbaren Menschen. Zum einen ist er das als Konsument: Dank der Verheißungen des Marktes müsse niemand mehr hinnehmen, zu dick oder zu flachbrüstig zu sein, eine zu große Nase oder Haare an der falschen Stelle zu haben. Und zum anderen wird der gesunde und gestählte Mensch zum perfekt einsetzbaren Humankapital.

Selbstkontrolle wird so Trallori zufolge zum obersten Prinzip. Dem kann jede Einzelne und jeder Einzelne natürlich entgegensetzen: Es geht mir doch um meine Gesundheit! Ich mache das nur für mich selbst! Und klar, es ist nicht moralisch falsch oder gar verurteilenswert, wenn jemand schlank und im gesellschaftlich akzeptierten Sinne schön sein will. Was ist freier Wille, was ist Vernunft, was ist Zwang? Darauf gibt es keine letztgültige Antwort. Doch wenn es tatsächlich nur um eine individuelle, völlig entspannte Entscheidung ginge, dann wäre wohl der Drang nicht so ausgeprägt, alle zu bestrafen, die von der Norm abweichen.

So ist die einfachste Formel für ein erfolgreiches, unbehelligtes Leben leider: Finde zu dir selbst - aber nur, wenn dein Selbst gesund, aktiv, schlank und sportlich ist. Wer ein anderes Selbst hat, hat Pech gehabt. Germany's Next Topmodel lässt grüßen. Und die Aufgabe der strengen Jury - gegenüber anderen, aber noch mehr gegenüber dem eigenen Körper - übernehmen wir allzu oft selbst. Echte Freiheit sieht anders aus.

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