Die Bedeutung des Alters "Die Leute sind heute biologisch jünger"

Die neuen Alten: Sie haben Zeit ohne Ende und sind so wohlhabend wie keine Generation vor ihnen. Doch wann wird der Mensch zum "Best Ager" und wie lange kann er es bleiben? Ein Gespräch über den neuen Begriff des Alterns und wie man diese Zeit mit Qualität füllt.

Interview: Alex Rühle

Ein Gespräch mit der Psychologieprofessorin Ursula Staudinger, die als Leiterin des Bremer Jacobs Center on Lifelong Learning interdisziplinär das Phänomen der alternden Gesellschaft erforscht.

SZ: Geht es den alten Menschen heute tatsächlich besser als früher?

Staudinger: Die Menschen werden viel älter als früher, ohne dass sich die Zeit der Gebrechlichkeit verlängert hat, die Jahre nach 65 sind überwiegend gesunde Jahre. Kalendarisches und biologisches Alter fallen zunehmend auseinander, von Generation zu Generation finden fünf bis acht Jahre biologische Verjüngung statt. Dazu kommt, dass die alten Menschen heute so wohlhabend wie nie zuvor sind und mehr freie Zeit in Rente haben als jede Generation vor ihnen.

SZ: Kann man denn überhaupt noch von "den Alten" sprechen?

Staudinger: Die dritte Phase des Lebens, die Alter genannt wird, verändert ihr Antlitz. Jetzt kann man entweder die Jahre zwischen 60 und 80 einer mittleren Lebensphase zuschlagen und nur die letzten Jahre der Pflegebedürftigkeit als Alter bezeichnen. Oder man erkennt an, dass Altern nicht nur negative Implikationen hat. Durch den gesellschaftlichen Wandel und die daraus folgenden biologischen Konsequenzen kommen die positiven Seiten des Alters stärker zum Tragen. Dann gibt es das junge oder aktive Alter und das stärker mit Krankheit und Pflege verbundene hohe Alter, das jenseits der 85 oder 90 beginnt.

SZ: Begriffe wie Best Ager sind also nicht so sehr Euphemismen als vielmehr Zuschreibungen für eine tatsächlich neue Generation, die es bisher nicht gab?

Staudinger: Ja, jedenfalls nicht in dem Umfang. Das Wort Alter ist bis heute vor allem negativ konnotiert und impliziert Krankheit, Demenz, Einsamkeit. Begriffe wie Sie sie gerade nennen, unterstreichen dagegen die Vorteile des Alters.

SZ: Alte Menschen fühlen sich im Schnitt 15 Jahre jünger als sie sind. War das immer schon so oder kann man daran ablesen, dass biologisches und gefühltes Alter immer weiter auseinanderklaffen?

Staudinger: Zum einen ist der Unterschied zwischen gefühltem und kalendarischem Alter eingebaut in unsere Psyche. Wir vergleichen uns permanent mit anderen und wählen uns dabei die Vergleiche so, dass es uns gut damit geht. Die meisten beginnen schon ab 20, sich jünger zu fühlen als sie sind, zunächst nur wenig, aber im Alter immer mehr. Wobei das aber immer an die Realität gebunden bleibt, ein 90-Jähriger fühlt sich nicht als 40-Jähriger. Aber die Realität des Alterns ändert sich eben auch, die Leute sind heute mit 70 biologisch jünger als früher. Deshalb gibt es auch einen faktischen Grund, sich jünger zu fühlen.

SZ: In den vergangenen Jahren wurde das düstere Bild einer überalterten Gesellschaft gezeichnet. Jetzt, so hat man den Eindruck, schlägt das publizistische Pendel in die Gegenrichtung aus und es wird überall das Hohelied des erfüllten Alters gesungen. Woher kommt das?

Staudinger: Das Alter hat einfach zwei Seiten, in der öffentlichen Diskussion aber wurde lange überwiegend das Schauergemälde vom Pflegenotstand gezeichnet. Mittlerweile begreifen doch immer mehr Menschen, dass die gewonnenen Jahre auch viele Chancen bieten. Außerdem spüren die Firmen den demographischen Wandel, der qualifizierte Nachwuchs ist nicht mehr so leicht zu finden. Das befördert die Wandlungsbereitschaft. Es wird nicht erst alles schlecht- und dann alles schöngeredet, sondern viele sind bereit, auch auf die Potentiale des Alterns zu gucken. Die fallen uns aber nicht in den Schoß, wir müssen etwas dafür tun, indem wir institutionelle Bedingungen verändern, sowohl im Arbeitsmarkt als auch im Bildungs- und Gesundheitssystem. Außerdem sollte sich jeder Mensch darüber klar werden, dass ihm ein längeres Leben zur Verfügung steht. Wenn es uns allerdings nicht gelingt, die verlängerte Lebenserwartung mit Qualität zu füllen, dann sieht es düster aus.

SZ: Gehen andere Länder mit dem demographischen Wandel besser um?

Staudinger: Im Gesundheitssystem stehen wir im europäischen Vergleich gut da. Aber was Weiterbildung angeht, können wir uns viel von den Skandinaviern abschauen. Die haben viel früher funktionierende Finanzierungsmodelle auf den Weg gebracht und haben einen fluideren Arbeitsmarkt als wir: Die Menschen können sich da leichter ein- und ausfädeln, berufliche Veränderungen sind, anders als bei uns, nicht gleich mit existentieller Verunsicherung verbunden.

SZ: Was ist denn die wichtigste Prävention? Wie wird man richtig alt?

Staudinger: Auf den Körper und den Geist achten, beide müssen diese Mehrjahre ja tragen. Den Beruf so gestalten, dass man geistige Anregung bekommt und körperliche Abnutzung vermeidet. Achten Sie darauf, dass Sie sich in guten Abständen neue Herausforderungen suchen, auch wenn das erst mal anstrengend und unnötig erscheint. Das hält einen nicht nur geistig, sondern auch körperlich gesund.

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