Auswanderer Deutsche, die vor Flüchtlingen fliehen - nach Ungarn

Der Balaton ist ein beliebtes Urlaubsziel - und für manche ein Platz, an dem sie bleiben wollen: Etwa 2000 Deutsche leben am größten See Mitteleuropas.

(Foto: imago/MITO)

Auswanderer suchen im Land Viktor Orbáns eine neue Heimat. Sie finden Aldi, deutsche Speisekarten und Immobilienmakler, die sich die Hände reiben. Ein Besuch am Plattensee.

Reportage von Daniela Gassmann und Cathrin Schmiegel

Die Flüchtlinge sind Ottmar Heides letzter Trumpf. Im Schatten des Nussbaums fischt er eine Zigarettenschachtel aus seiner Brusttasche. Wie immer trägt der Makler Kurzarmhemd, heute in Weiß. Hinter ihm liegen Weinfelder, vor ihm stehen die Kunden: ein Ehepaar aus Deutschland. Die beiden blicken sich skeptisch um. Von dem Haus, das sie sich angesehen haben, bröckelt der Putz. Das Grundstück riecht nach nassem Holz. Ottmar Heide steckt seine Zigarette an, nimmt den ersten tiefen Zug. In Ungarn, beginnt er, gebe es kaum Türken, wenige Russen. "Nur in Budapest ein paar Flüchtlinge", schiebt er hinterher. Seiner Kundin entfährt ein Lachen, ihr Mann nickt. Es ist der Moment, der Ottmar Heide mit dem Ehepaar vereint.

Der Zaun an der ungarischen Grenze hält Flüchtlinge fern. Auswanderer zieht er an. Ihr Paradies suchen sie in Orten mit Namen, welche die wenigsten von ihnen aussprechen können: Cserszegtomaj heißen sie, Somogyfajsz und Somogyszentpál. Sie alle liegen am westungarischen Plattensee, dem Balaton. Das Wasser kann man von ihnen aus nicht mehr sehen, dafür sind die Häuser lächerlich günstig. Immer mehr Deutsche kaufen sie aus Angst vor Überfremdung.

Ottmar Heide - 61 Jahre alt, Goldkettchen auf der grau behaarten Brust - ist so etwas wie ihre gute Fee. Immobilien vermittelt er schon von 10 000 Euro an. Gute Ratschläge und eine Einweisung in die deutsche Gemeinde bekommen seine Kunden gratis dazu.

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Ottmar Heide und seine Frau Claudia zogen vor 13 Jahren von Worms nach Ungarn. Ihr Zuhause liegt eine halbe Autostunde südlich vom Plattensee, wo es, anders als auf der Nordseite, kaum Hügel gibt. Dafür Thermalbäder und Massagestudios, von denen Claudia Heide jeden Mittwoch eines besucht. In dieser Gegend hat das Ehepaar eine Immobilienfirma aufgebaut. Neuerdings kurbelt Angela Merkel das kleine Geschäft an. In diesem Jahr haben die Heides von Januar bis Juni zwanzig Eigenheime verkauft, so viel wie früher in zwölf Monaten.

"Was da jetzt für Zeuch rüberkommt", sagt Ottmar Heides Kundin in der Gartenidylle. Petra Görtz, 55 Jahre, presst die Beine zusammen wie eine Soldatin. In ihren rosa Sandalen leuchten die Fußnägel dunkelrot. Mit "Zeuch" meint sie Flüchtlinge, mit "rüber" Deutschland. Genauer: ihre Heimatstadt Düsseldorf, die sie und ihr Ehemann Friedhelm satthaben. "Der Orbán", sagt Ottmar Heide, den linken Daumen im Hosenbund, "der hat sein Volk befragt, was es von Flüchtlingen hält. 86 oder 89 Prozent: Nein." Petra Görtz, gepresst: "Wir möchten das auch nicht!" Mit ihrer Sonnenbrille kämmt sie sich den Pony zurück. Ihren Zopf trägt sie zweifarbig: blondes Deckhaar, darunter schwarz.

Friedhelm und Petra Görtz wollen an den See ziehen, weil sie Düsseldorf satthaben. Und weil Petra Görtz kein Kopftuch tragen will.

(Foto: Daniela Gassmann/Cathrin Schmiegel)

Im nächsten Haus, zwei Ortschaften entfernt, läuft es so gut, dass sich Ottmar Heide verschluckt beim Lachen. Das Huhn im Garten und der frei stehende Metallofen gefallen Friedhelm Görtz. Über die herausgebrochenen Sockelleisten, das stumpfe Laminat und die Größe des Hauses sieht er hinweg. Wenn Heide den Preis herunterhandeln kann, wird das Ehepaar zuschlagen. "Bei Ihnen", sagt Ottmar Heide, "bringe ich das durch." Friedhelm Görtz breitet die Arme aus, als wolle er seine neue Welt begrüßen. Der Anker auf dem Unterarm in Moosgrün und Rot ist verblasst. Ein Relikt aus seiner Jugend. Zur Rente in vier Jahren will Friedhelm Görtz mit seiner Frau in das einstöckige Haus einziehen. Um am Balaton "die Misere Deutschland" zu vergessen.

Abseits der Partymeile in Siófok und auf touristischen Strandpromenaden leben etwa 2000 Deutsche am größten See Mitteleuropas. Es gebe Auswanderer, die Veränderung eigentlich gar nicht mögen, sagt Zoltán Kiszelly, Politologe in Budapest. "Sie wollen Wälder, Hügel und Seen." Am Balaton bekommen sie all das, und stoßen nicht einmal auf kulturelle Unterschiede. Die meisten Einheimischen haben in der Schule Deutsch gelernt, in jedem größeren Ort gibt es Lidl oder Aldi. Dinge wie diese machen Ungarn für manche zur Märchenwelt

Ein Viertel Tank braucht Ottmar Heide für eine Rundfahrt durch das Paradies. Sein schwarzer Volvo holpert über Straßen, die an den Seiten ausfransen; im Auto riecht es nach Hund. Vorbei ziehen Mischwälder, Weizenhalme und Kürbisplantagen. Unterbrochen wird die Landschaft nur von Ortschaften mit Einfamilienhäusern und Heiligenfiguren. Heide zeigt auf ein Haus - verputzter Schornstein, gusseiserner Gartenzaun. "Hier wohnt ein Deutscher", prahlt er. "Habe ich ihm verkauft."

Makler Ottmar Heide mit seiner Frau Claudia.

(Foto: Daniela Gassmann/Cathrin Schmiegel)

So geht es alle 200 Meter. Dazwischen tun sich Abgründe auf: nackte Backsteine, eingeschlagene Fenster, wuchernder Rasen. Die Gegend um den Balaton hat die unterschiedlichsten Gesichter. Das Wasser blitzt nur selten in der Ferne auf. Vier, vielleicht fünf Sekunden lang ist ein schmaler Streifen See zu sehen, kaum erkennbar zwischen blauem Himmel und kilometerweiten Grünflächen. Dann beginnen die nächsten Dörfer, an deren Zäunen Pappschilder hängen. "Eladó!" steht darauf: "Zu verkaufen!"

Die leer stehenden Häuser ziehen Menschen an, die in ihrer Heimat unzufrieden sind. "Wenn sie Deutschland sowieso verlassen möchten, entscheiden sie sich bewusst für Ungarn", sagt der Politologe Kiszelly. "Solange Viktor Orbán Regierungschef ist, haben sie die Garantie, dass keine Flüchtlinge kommen." Dreitausend sind derzeit im Land, schätzt er, die meisten von ihnen nur vorübergehend. Entweder wollen sie nicht bleiben, oder Viktor Orbán will sie nicht haben. Die Mehrheit der Ungarn steht hinter der Linie des Ministerpräsidenten.

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Bei der ungarischen Parlamentswahl hat Ottmar Heide keine Stimme. Doch wenn er von Orbán spricht, entfleucht ihm stets ein hessisch eingefärbtes "Subba". Begleitet wird es von seinem sehr speziellen Lächeln. Wissend, siegessicher, ein wenig kokett: sein Vertreterlächeln. Es funktioniert auch im kurzärmeligen Druckknopfhemd. Eine Krawatte trägt der Makler nur bei Häusern im Wert von mindestens 100 000 Euro. Oder wenn ihn das Fernsehen besucht. Im Mai filmte der Bayerische Rundfunk Ottmar Heide im Nadelstreifen-Jackett bei einer Hausübergabe. Danach meldeten sich ungarische Sender und die Demokrata, das rechtsradikale Blatt ist die drittgrößte Wochenzeitung des Landes.

Seitdem steht Heides Arbeitshandy nicht mehr still. In Gesprächen kommt er nach ein paar Minuten zuverlässig auf die gefühlte Überfremdung zu sprechen. "Ich mein', ich wollte eigentlich nicht so gern darüber reden", sagt Heide dann von selbst. "Aber in der Altstadt von Worms: Vor 30 Jahren waren da kleine Caféchen und Kneipchen, überall Stühle draußen. Heute: Dönerladen, Dönerladen, Dönerladen."