Nachtleben Budapest Prost Europa

Ellátó kert - eine der vielen Ruinenkneipen Budapests.

(Foto: ruinpubs.com)

Ungarn mag unwirtlich geworden sein. Das alte jüdische Viertel in Budapest ist - Ironie der Geschichte - dagegen nun der freieste Ort des Landes. Eine Tour durch die Lieblingskneipen der jungen Hauptstädter wird so regelrecht zu einem politischen Akt.

Von David Denk

Was wohl aus Zissa geworden ist? Ist sie verheiratet? Hat sie Kinder? In der Nacht, als Ungarn Mitglied der Europäischen Union wurde, im Frühjahr 2004, trafen wir uns an Bord des A38, eines alten ukrainischen Steintransportschiffs, das im Vorjahr als Party- und Livemusik-Location am Budapester Donauufer wiedergeboren worden war. Unter Deck spielten Seeed aus Berlin, das Schiff bebte, Deutsche flirteten mit Ungarn, Ungarn mit Deutschen. Wir tanzten und tranken, tranken und tanzten. Geschichte wurde geschrieben - und wir waren dabei! Als Erasmus-Student wurde ich unverhofft Zeitzeuge. Wie könnte man jemanden vergessen, den man in so einer Nacht trifft?

Zehn Jahre später liegt das A38 immer noch am Donauufer, gleich an der Petőfibrücke auf der Budaer Seite des Flusses, aber vom Rausch jener Nacht ist wenig geblieben, erschreckend wenig. Viele Ungarn sind enttäuscht von Europa und haben eine Regierung gewählt, die mit ihrer nationalistisch-populistischen Politik um die Gunst der Unzufriedenen buhlt. Premier Viktor Orbán führt ein besorgniserregendes Regime. "Es ist nicht Nordkorea hier", sagt eine ungarische Bekannte, "aber besonders demokratisch ist es auch nicht." Ungarn ist ein anderes, unwirtlicheres Land inzwischen, in Budapest merkt man davon recht wenig - zumindest als Tourist.

Auf dem A38 spielt ein junger Brite an diesem Oktoberabend, Benjamin Clementine, der 2004 wohl gerade den Stimmbruch überstanden hatte. Clementine, ein troubadourhafter Gesangskünstler im dunklen Mantel, der sein Piano locker an die Wand singt, wirkt ein wenig verunsichert ob der etwa 300 zahlenden Gäste: "Why did you come?" Die Antwort ist denkbar einfach: Weil sie den barfüßigen Schlaks lieben für die Gänsehaut, die diese gefühlt 124 Jahre alte Stimme ihnen auf die Unterarme zaubert. Da verzeihen sie ihm auch, dass er sich immer wieder in "Bulgaria" wähnt.

Von der nahegelegenen Brücke aus fahren die Tramlinien 4 und 6 die Ringstraße entlang direkt in den VII. Bezirk, das Ausgehviertel Budapests. Ausgerechnet das alte jüdische Viertel, das die Nazis zum Ghetto erklärten und wo sie Zigtausende einpferchten, ist in den vergangenen Jahren zum freiesten Ort Ungarns geworden - das trifft wohl genau das, was mit Ironie der Geschichte gemeint ist. Der wieder erstarkende Antisemitismus in Ungarn schmälert die Freude daran allerdings erheblich.

Während auf dem parallel verlaufenden Boulevard Andrássy út viele Läden leer stehen, unter anderem die frühere Dolce&Gabbana-Boutique, ist auf der Király utca und in ihren Seitenstraßen abends so viel los, dass man hier zwar eher nicht wohnen, aber unbedingt vier, fünf Bier trinken möchte - nur wo? Die Auswahl ist so unübersichtlich, dass man sich fühlt wie ein Fünfjähriger vor haushohen Regalen im Spielzeugladen. Auf erwachsene Kindsköpfe abgerichtet sind all die stiernackigen Sicherheitsleute. Sie stehen nicht nur vor den Eingängen der individuell gestalteten Kneipen, sondern auch an einigen Straßenecken. Herzlich willkommen am Bohemian Ballermann! Prag? War da was?

"Großvater aller Ruinenkneipen"

Eine Menge Bars gab es in der Gegend auch 2004 schon, wenn auch nicht gerade direkt auf der Király utca, viele davon in den Innenhöfen heruntergerockter Altbauten und auf Brachflächen. Der "Großvater aller Ruinenkneipen" ist laut "Lonely Planet" der Szimpla Kert, der "Einfache Garten", den der Reiseführer schon mal zur drittbesten Bar weltweit ernannte (das A38 wurde sogar Erster). Was auch immer man von solchen Rankings hält: Der Szimpla Kert ist ohne Zweifel ein besonderer Ort. Er sieht aus wie die begehbare Installation eines schwer exzentrischen Künstlers mit Vorliebe für Metallschrott.

Auf dem verwinkelten Gelände einer früheren Ofenfabrik verteilen sich verschiedene Bars, überdacht und unter freiem Himmel, einmal in der Woche findet hier ein Bauernmarkt statt. Und auch wenn das Unternehmen Szimpla mittlerweile so erfolgreich ist, dass man sogar zwei Ableger in Berlin betreibt, wirkt dieser auch bei Herbstwetter brechend volle Ort so überhaupt nicht berechnend, sondern immer noch wie die fixe Idee einer Gruppe von Geisteswissenschaftlern, womit die Geschichte des Szimpla Kert andernorts im Jahr 2001 begann.