#Aufschrei - was bleibt? Wut muss sein

Wut muss manchmal sein - zum Beispiel im Kampf gegen Sexismus.

Tugendfuror oder netzfeministisches Meisterstück? Die Twitterkampagne #Aufschrei führte zur Renaissance eines unterschätzten Gefühls.

Ein Kommentar von Hannah Beitzer

Irgendwann haben sie einfach beschlossen: Es reicht. Was genau der Auslöser für die Twitterkampagne #Aufschrei war, in der zahlreiche Frauen Sexismus und sexuelle Belästigung öffentlich machten, lässt sich im Nachhinein nicht mehr so leicht sagen: War es der Artikel im Stern, in dem die Politikjournalistin Laura Himmelreich eine unangenehme Begegnung mit dem ehemaligen FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle beschrieb? Oder ein ganz ähnlicher Artikel im Spiegel, in dem Redakteurin Annett Meiritz über Sexismus in der Piratenpartei berichtete?

Wahrscheinlicher ist, dass sich hier vor einem Jahr etwas entlud, das sich schon eine ganze Weile angebahnt hatte - nämlich die Unzufriedenheit darüber, dass Männer und Frauen in Deutschland noch immer nicht wirklich gleichberechtigt sind. Immer noch verdienen Frauen im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer, immer noch ist ein Großteil der Führungspositionen in der Wirtschaft von Männern besetzt, während Frauen sich häufiger und intensiver als ihre Partner um Haushalt und Kindererziehung kümmern.

Viele Aufregerthemen der vergangenen Legislaturperiode hatten mit Fragen der Geschlechtergerechtigkeit zu tun: Ist ein Betreuungsgeld sinnvoll? Verhilft eine Quote tatsächlich zu mehr Gleichberechtigung?

Ein weiteres Puzzleteilchen

#Aufschrei war nur ein weiteres Puzzleteilchen in einem Bild, das sich geformt hatte und im Januar 2013 zeigte: Der Feminismus und seine Anliegen sind noch lange nicht erledigt. Die Kampagne stieß auch deswegen auf so großen Zuspruch, aber auch auf so großen Widerstand, weil sie so konkret, subjektiv und wütend war. Von Benachteiligung im Beruf bis hin zu handfesten sexuellen Übergriffen stand alles nebeneinander, anklagend und - dem Medium Twitter entsprechend - klar und knapp.

Die Heftigkeit der Diskussion zeigte vor allem eins: Konflikte, die wir schon längst überwunden glaubten, haben wir in Wahrheit nur verdrängt. Auch im Jahr 2013 war mitnichten klar, wo Frauen und Männer in Deutschland eigentlich stehen. Wahrscheinlich war es der harsche Ton der Auseinandersetzung, der Bundespräsident Joachim Gauck dazu veranlasste, von "Tugendfuror" zu sprechen - eine Aussage, die beispielhaft für viele steht, die vor harten Auseinandersetzungen in gesellschaftlichen Fragen zurückschrecken.

Es ist immer bequemer, schmerzhafte Themen wie Sexismus für erledigt zu erklären. Denn wir sind uns doch alle einig - oder? Klar sollen Frauen und Männer gleichberechtigt sein. Steht ja auch schon im Grundgesetz. Und in Deutschland können Frauen schließlich studieren, arbeiten, heiraten oder nicht, Kinder kriegen oder nicht. Ist es da nicht eine persönliche Entscheidung, welche Prioritäten eine Frau setzt? Und auf die alten Grabenkämpfe - Männer gegen Frauen, Rabenmutter gegen Glucke - hatte eigentlich keiner mehr Lust. Lasst uns doch sachlich bleiben, ausgewogen, immer schön: einerseits - andererseits!