Entwicklung der Sexismus-Debatte Tätschelnder Patriarch vs. hysterische Kampfemanze

Die Verbissenheit, mit der Männer und Frauen über Gleichberechtigung diskutieren, schadet der Debatte.

(Foto: dpa)

Männer und Frauen hatten lange Zeit, ihre Standpunkte zu Sexismus und Frauenquote zu diskutieren. Das Ergebnis: Durch den krampfhaften Kampf um Gleichberechtigung werden Geschlechterunterschiede stärker betont als je zuvor. Wie sind wir in diesen Krieg geraten? Und gibt es einen Ausweg?

Von Judith Liere

Als kürzlich die Uni Leipzig bekannt gab, in ihrer Grundordnung künftig männliche wie weibliche Lehrkräfte "Professorin" nennen zu wollen, rollten viele mit den Augen. Andere bekamen einen Schreck. "Herr Professorin", so spitzten einige Medien die Meldung hysterisch zu, solle in Leipzig nun zur üblichen Anrede werden. Die Aufregung war groß, nicht nur auf Männerseite. Auch Frauen mit dem Wunsch nach mehr Gleichberechtigung dachten: bitte nicht.

Sofort war klar, dass die Leipziger Maßnahme die Gleichberechtigung kein Stückchen weiterbringen würde. Im Gegenteil. Es besteht die Gefahr, dass "Herr Professorin" den garstigen, breiten Graben zwischen den Geschlechtern noch vergrößert. Diese Kluft hat seit der Quoten-Debatte und der Brüderle-Diskussion ohnehin schon Grand-Canyon-hafte Ausmaße angenommen, mit einem leichtfüßigen Hopser kommt da inzwischen keiner mehr drüber. Nach all dem Streit, den Leitartikeln, Talkrunden, Büchern, Blogs und mehr oder weniger gescheiten Aufsätzen zum Thema ist die Situation nämlich die: Auf der einen Seite stehen, bis an die Zähne mit Argumenten bewaffnet, die Frauen. Auf der anderen Seite stehen, nicht minder schwer aufgerüstet, die Männer. Dazwischen klafft der Grand Canyon, über den hinweg sie einander feindseliger anstarren denn je.

Und dann also Leipzig. Ein Bonbon für die Frauen, in Wahrheit aber Munition für die Männer. Na super.

Das Zündholz der Saison

Wie hältst du's mit der Gleichberechtigung? Die Frage ist so etwas wie das Zündholz der Saison. Egal, wer sie wie beantwortet, es sprüht und lodert eigentlich immer. Und einige (die Medien, die Wichtigtuer, die Debatten-Groupies, Alice Schwarzer) haben auch ihre helle Freude daran. Bevor die Gleichberechtigung zum Saisonzündholz wurde, wäre man über die neugeschriebene Grundordnung der Uni Leipzig nicht erschrocken. Man hätte das Ganze - je nach Standpunkt - sinnvoll, überflüssig oder einfach nur albern gefunden. Aber so harmlos geht es im Konflikt der Geschlechter längst nicht mehr zu.

Die Lage ist ernst, grässlich ernst. In der Frauendebatte wird jede Äußerung, jede Handlung seit Monaten wortklauberisch auf ihre politische Korrektheit hin überprüft. Immer schwingt beim Publikum auch die Erwartung mit, dass sich, wer etwas sagt oder tut, nun aber mal final zu bekennen habe. Auf welcher Seite des Grabens stehst du?

Die Debatte war eine Chance

Das war nicht immer so. Nach dem Brüderle-Outing des Stern führten die Deutschen ein paar wenige Tage lang eine Diskussion, in deren Kern es tatsächlich um die Frage ging, wie oft Frauen alltäglichem Sexismus ausgesetzt sind. Wie immer, wenn bei einem Thema mal alle mitreden können, hatte die Diskussion etwas zunächst aufregend Verbindendes: Man mochte sich zwar sonst nicht viel zu sagen haben und war vielleicht auch hier unterschiedlicher Meinung - aber jetzt immerhin saß man zusammen und redete. Für kurze Zeit kamen Männer und Frauen miteinander ins Gespräch, es wurden Erfahrungsberichte vorgetragen, Argumente und Gegenargumente ausgetauscht. Man hätte die Gelegenheit nutzen und ein paar Dinge klären können. Stattdessen passierte etwas anderes: Männer fühlten sich in die falsche Schublade gesteckt, die Frauen falsch verstanden, Empörung kochte hoch. Man redete nicht mehr, man stritt. Und am Ende hatten sich wieder zwei Lager gebildet, von denen man eigentlich geglaubt hatte, die Gesellschaft habe sie hinter sich gelassen. Nennen wir sie ganz altmodisch: "die Männer" und "die Frauen".

Die einen stehen unter dem Generalverdacht, Hintern-tätschelnde Patriarchen zu sein, die anderen gelten schnell als hysterische Kampfemanzen, die sich für jahrhundertelange Ungleichbehandlung nun auf unfaire Weise rächen wollen. Leider muss man sagen: Beide Seiten haben es wohl zu relativ gleichen Teilen vermasselt.

Was ist passiert in den vergangenen Monaten, dass all die Twitter-Kommentare, Zeitungsartikel, die Gespräche in der Kneipe und auf Bürofluren wenig Greifbares bewirkt haben, jedenfalls kaum Positives? Offenbar wurde schlicht zu viel und nicht konstruktiv geredet. Viele wollen zum Thema sowieso nichts mehr hören und sind vor allem genervt von der Debatte - Männer häufiger als Frauen, aber auch diese immer mehr.

Das Twitter-Schlagwort "Aufschrei", unter dem Frauen ihre Erfahrungen mit Sexismus teilen sollten, hat eine kurze und traurige Karriere hinter sich: Es wird mittlerweile als ironischer Witz in Internetposts oder Unterhaltungen benutzt, sobald irgendetwas auch nur entfernt mit Männern und Frauen zu tun hat. Beispiel aus einer Stichprobe: "Warum gibt es unzählige Mario Karts, aber bisher kein einziges Marion Kart? #aufschrei".