19. November 2012 09:44 Kinder - der ganz normale Wahnsinn Der bewegte Mensch

Eine Kolumne von Katja Schnitzler

Kinder, die dick sind, nicht rückwärts gehen können und keine Lust auf Bewegung haben: Dagegen sollten wir was unternehmen, sinnieren die Eltern - während sie ihr Kind mit dem Auto zur Schule fahren.

"Nimmst du meinen Schulranzen, er ist so schwer? Fährst du mich mit dem Auto, es ist so weit? Trägst du mich, ich bin so müde?" Kinder in Bewegung zu halten, wäre leicht. Ist es aber nicht immer.

(Foto: J. Hosse)

Die Mutter saß im Sessel, die Zeitung in der Hand, aber entspannt war sie nicht. Schon wieder hatte sie einen Artikel über dicke Mädchen und Jungen in Deutschland entdeckt. Er berichtete von Kindern, die verlernt haben, zu rennen, zu klettern und deren Gleichgewichtssinn so gut wie nicht vorhanden war. Von Kindern, die nicht einmal mehr rückwärts laufen können, ohne zu stolpern. Und noch schlimmer: Von Kindern, die überhaupt keinen Grund sehen, das alles zu tun. Als ob Kinder dafür einen Grund bräuchten, dachte die Mutter. Ist ihnen der Drang, sich zu bewegen, doch in die Wiege gelegt. Wohin ist die kindliche, überschäumende Lebensfreude nur verschwunden?

Sie blickte auf die Uhr. Seufzend stemmte sie sich aus dem Sessel und legte die Zeitung auf die Armlehne, sie wollte später noch weiterlesen.

Am Morgen hatte es geregnet und die Mutter das Kind mit dem Auto zur Schule gefahren, es sollte nicht den ganzen Vormittag in nassen Sachen dasitzen müssen. Es war das fünfte Mal in dieser Woche: Am Montag war der Ranzen besonders schwer gewesen, am Dienstag auch, am Mittwoch hatte die ganze Familie verschlafen und war zu spät dran und am Donnerstag hatte das Kind Schnupfen.

Auch am Freitag war vor dem Schulhaus wieder ein mittelgroßes Verkehrschaos ausgebrochen. Die Parkplätze reichten nie für alle Eltern und die Berufspendler wollten auch noch vorbei. Wenn die Eltern wenigstens auch die Nachbarskinder mitnehmen würden, wären viel weniger Autos unterwegs, hatte die Mutter gedacht und ein wenig vorschriftswidrig auf dem Gehweg nahe dem Eingang geparkt. Der offizielle Parkplatz lag so weit entfernt, da hätte das Kind gleich zu Fuß gehen können.

Mittags war es wieder aufgeklart, aber sie hatte dem Kind versprochen, es auch abzuholen - es fuhr doch so gerne mit dem Auto. Dutzende andere Mütter und ein paar Väter hatten das ebenfalls versprochen. Es dauerte mal wieder länger, bis sich die Kinder, müde vom Unterricht, aus der Schule schleppten und ihre Ranzenlast vor den Füßen der Eltern abwarfen. Die Wartezeit nutzte die Mutter, um den anderen von dem Artikel zu erzählen. "Kein Wunder", ereiferte sich ein Vater, "wenn der Schulsport jede zweite Woche ausfällt!" Die Eltern nickten zustimmend, ihr Kreis wurde größer.

"Aber das ist es nicht allein", schaltete sich eine andere Mutter ein: "Wenn ich daran denke, wie viel wir in der Kindheit unterwegs waren. Gleich nach den Hausaufgaben ging es los und erst zum Abendessen waren wir wieder daheim. Das geht ja heute gar nicht mehr, allein der Straßenverkehr!" Alle nickten, Nostalgie im Blick. Eine Frau schlug vor, sich auf die Pausenbänke zu setzen. Offenbar dauerte es heute noch länger als sonst, bis die Kinder endlich herauskamen.

Die älteren Schüler waren schneller. Sie zogen an der Elternschar vorbei und sammelten sich vor der Rolltreppe zur U-Bahn. Ungeduldig harrten sie aus, bis sie an die Reihe kamen. Ein paar Jungen drängelten sich grob bis zur Rolltreppe durch und fuhren mit höhnischem Grinsen in den Untergrund, während die anderen Schüler leise schimpften. Sie waren hungrig und wollten nach Hause. Zwei überholten links auf der Treppe, sie waren die Einzigen.

"Aber", rief die Mutter, die bei der Pausenbank-Diskussionsrunde im Mittelpunkt stand, "es ist gar nicht so leicht, den Kindern heute ausreichend Bewegung zu verschaffen. Das ist schließlich nur ein Teil unserer Aufgaben. Sie sollen ja auch noch ihre Hausaufgaben erledigen, lernen, wir müssen sie musisch bilden, ihnen Kultur vermitteln, ihre Medienkompetenz stärken, sie zum Lesen zwingen, wenn sie nicht ..." Da kamen endlich die jüngeren Schüler herangeschlurft. So erschöpft vom Unterricht, dass sie die schwere Glastür kaum aufstemmen konnten.

Mit gebeugten Rücken schleppten sie die Ranzen bis zu ihrem Elternteil, das ihnen sofort die Last von den Schultern nahm. "Und, wie war es heute?", riefen die Eltern. "Anstrengend", seufzten die Kinder und schlichen zu den Autos.

Das Pausenhofgespräch ließ die Mutter, die eine fürsorgliche war, nicht los. Auf der Heimfahrt überlegte sie, wie sie das Kind künftig zu mehr Bewegung bewegen könnte. Überhaupt war es recht blass in letzter Zeit. Doch für noch einen Sportkurs außer Taekwondo war einfach keine Zeit. Die Nachmittage waren ausgefüllt mit Investitionen in die Zukunft: Schachklub, English Conversation für Grundschüler, Klavierunterricht und natürlich Schularbeiten. Und einen Nachmittag hielt sie bewusst frei, schließlich sollte das soziale Miteinander nicht zu kurz kommen. Wobei es ihr nicht gefiel, dass das Kind bei seinen Freunden oft vor Computerspielen saß. Aber wer weiß, ob ihm das später im Berufsleben nicht nützen würde.

Dennoch musste es eine Lösung für das Bewegungsproblem geben. Sie hatte Zeit, weiter darüber nachzudenken, als sie das Kind mit dem Auto zur Musikschule fuhr (es sah schon wieder nach Regen aus). Aber ihr fiel nichts ein. Der Tag hatte eben nur zwölf Wachstunden, wenn man in die Grundschule ging.

Sie beschloss, am Abend ihren Mann darauf anzusprechen, vielleicht hatte er eine Idee. Doch sie wartete mit dem Thema, denn der Vater war erschöpft von einem Tag mit Meetings (davon zwei Video-Konferenzen), langen Telefonaten und Zwischenstands-Berichten, die er für den nächsten Tag hatte fertigschreiben müssen. Er kam gerade noch rechtzeitig nach Hause, um mit seinem Kind kurz zu kuscheln, bevor die Mutter es ins Bett brachte.

Währenddessen schleppte sich der Vater zum Sessel und rieb sich den schmerzenden Rücken, er hatte vor dem Computer mal wieder nicht Haltung bewahrt. Er fühlte sich ein wenig älter als er müsste. Ermattet sank er in die Kuhlen, die sein Körper Abend für Abend in die Polster gedrückt hatte. Da lag noch die Zeitung aufgeschlagen auf der Armlehne. Bewegungsmangel bei Kindern, las er.

Ja, dachte er, da müsste man wirklich was unternehmen. Wer weiß, wo das sonst hinführt.

Kinder wollen laufen, rennen, toben - und machen es immer weniger. Dabei ist Sport nicht nur für die Gesundheit gut. Warum Kinder heute immer länger sitzen und was Eltern dagegen unternehmen können, erklärt Sportwissenschaftlerin Christine Graf in den Expertentipps zur Erziehung.