Alles Theater, das war seine Devise - doch angefangen hat es für Christoph Schlingensief mit dem Kino. Seine Filme spekulierten auf Mord und Totschlag, sie waren ein Gegengift gegen den pathetischen Schwulst.
Alles Theater, das war seine Devise von Anfang an, und angefangen hat es für Christoph Schlingensief natürlich mit dem Kino. In der Volksschule, "Mein erster Film" heißt der erste Film, 1968, in dem der Filmemacher selbst ganz selbstverständlich figuriert, sein eigenes Wirken in Szene setzt, die Handlung erklärt und zum Mitmachen motiviert: "Bitte macht mir das nach." In diesem Jahr, heißt es, sei Schlingensief zum ersten Mal auf den Kurzfilmtagen in Oberhausen gewesen, seiner Heimatstadt.
Bild vergrößern
Bei der Münchner HFF hatte Christoph Schlingensief sich beworben, zweimal, aber er wurde nicht angenommen. Also hat er das Kino zu seiner Filmschule gemacht. (© ddp)
Anzeige
Bei der Münchner HFF hat er sich beworben, zweimal, aber er wurde nicht angenommen, also hat er das Kino zu seiner Filmschule gemacht, drei- oder viermal am Tag, jede Menge Genrefilme, Horror und Splatter, Russ Meyer, aber auch schön Melodramatisches: "Schon bei den einfachsten Liebesgeschichten im Fernsehen habe ich geheult, bei Dokumentationen über Tierquälerei bekam ich sogar Heulkrämpfe." Nun kommen auch regelmäßig eigene 16mm-Sachen, teilweise fürs Festival Oberhausen produziert, dazu Regieassistenz beim Experimentalfilmer und -Filmprofessor Werner Nekes, dann Kameraassistenz beim "Doktor Faustus" von Franz Seitz: "Zwar lernte man dort eine Menge Wissenswertes über Technik und Organisation, doch nichts Genaues über Menschenführung, Mord und Totschlag."
Aber Mord und Totschlag ist es, worauf sein Kino spekuliert, das Kino als Kettensägenmassaker, und was da zerstückelt wird, ist die deutsche Geschichte, in der immer noch haufenweise die Gespenster der Nazis herumspuken, enervierend, marodierend, terrorisierend. Alles irgendwie Familienfilme, die große Sippe Deutschland: "100 Jahre Adolf Hitler (Die letzte Stunde im Führerbunker)", "Das deutsche Kettensägenmassaker", "Terror 2000 - Intensivstation Deutschland", "Die 120 Tage von Bottrop", in diesen Filmen wurde, blutig und dreist, geschmacklos und eklig, die deutsche Wende erst vorweggenommen und nachher wieder abgearbeitet, und gleichzeitig das junge deutsche Kino abgewickelt.
Hier gab es Gegengift gegen den pathetischen Schwulst, der 1989 ums neue einige Vaterland auszudünsten begann. Pluralismus, brüllt der wilde Alfred Edel im "Kettensägenmassaker", wenn es daran geht, den neuen Teil Deutschlands zu verwursten. Ein Schlachtruf. "Alfred Edel", erzählte Schlingensief, "hat mich bei meinen Drehbüchern immer gefragt: Ist das kausal oder akausal? Und wenn ich sagte, akausal, dann sagte er, ist gut."
Auf der Berlinale hatte Schlingensief 1986 für Chaos gesorgt, als im Forum der scheußliche "Menu total" gezeigt wurde. Helge Schneider verkriecht sich im Bett, Alfred Edel kotzt den ganzen Film voll, Wim Wenders soll nach zehn Minuten gegangen sein. Aber er hat auch Tilda Swinton kennengelernt und einige Zeit mit ihr verbracht, im Winter hat er mit ihr und mit Udo Kier auf der Hallig Langenea "Egomania - Insel ohne Hoffnung" gedreht, ein irrwitziges Erlösungsdrama - da konnte man schon sehen, dass er auf der Opernbühne landen würde, in Bayreuth. 2009 saßen Tilda und er dann gemeinsam in der Jury der Berlinale.
Er war ein Bilderstürmer, ein Bildersucher besser gesagt, der immer wieder neue Bilder brauchte, weil die alten so schnell sich verbrauchten. Und die Kinobilder sind in seinem Kopf geblieben, man entdeckt sie in allem, was er fürs Theater gemacht hat, auf der Bühne wie im wirklichen Leben, im Bayreuther "Parsifal", wo sie die Figuren überschwemmen, oder im Container-Projekt, wo er voll solidarisiert ist mit den Anwesenden und dennoch auftritt wie einer der alten Hollywoodianer auf seinem Studio-Set, mit großer Attitüde und Grandezza. Das Kino ist das Wesentliche in diesem Werk geblieben, seine Leidenschaft, seine Anarchie, seine Sprengkraft, sein Feuer - ein Feuer, von dem manchmal auf der Leinwand nur Asche geblieben ist. Dies war, wie die Lehrstücke einst bei Brecht, ein Kino, das für die Macher wichtiger gewesen sein mag als für die Zuschauer. Wie ein Phantom, das hinter ihnen auftauchte, immer wieder, wie der Nosferatu.
- Thema
- Christoph Schlingensief RSS
- Trauer um Schlingensief "Als ob das Leben selbst gestorben wäre" 22.08.2010
- Zum Tod von Christoph Schlingensief Mit Mut und Menschlichkeit 21.08.2010
- Nach jahrelanger Krankheit Christoph Schlingensief ist tot 21.08.2010
- Schlingensief: Krebsdiagnose "Harte Neuigkeiten" 02.07.2010
- Kunstbiennale in Venedig Goldener Löwe für Schlingensiefs Pavillon 04.06.2011
- Schlingensief und die Biennale Gutgemeintes Pathos 01.06.2011
- Gedenken an Schlingensief Bis der Tod uns abholt 08.11.2010
(SZ vom 23.08.2010/kar)
Anti-Piraterie-Abkommen
In seiner Kunst fand sich auch eine Wiederbelebung der Schaubuden
vom Alten Wurstlprater mit der Zurschaustellung von deformierten und geistig behinderten Menschen, die er gnadenlos der Schaugier und der Lächerlichkeit preisgab. Sogar beim Parsival zwang er eine dicke Frau mit riesigem Hängebusen und Fettwampen nackt auf die Bühne.
16.07.2010 08:07 Uhr:
von Karl-Wilhelm Schmidt:
Es ist wirklich schlimm, wenn man immer wieder hört, dass Menschen an Krebs erkranken.
Herr Schlingensief, der auch an Krebs leidet sagte: Man will doch, dass etwas bleibt, wenn man nicht mehr da ist. Aber das ist eine Illusion. Es bleibt nichts. Oder wie Heinz Rühmann zuletzt sagte: Das war’s. Was ist in der Forschung los, warum haben die Forscher noch nicht den Krebs besiegt? Der Weg gegen Krebs ist die Genforschung, aber die Ethik verbietet es, diesen Weg zu gehen. Wie viel Leid muss der Mensch noch dulden bis der Krebs besiegt ist?
Wie ist das, Tot zu sein, es ist wie gar nichts.
Mit freundlichen Grüßen
Karl-Wilhelm Schmidt
"Wim Wenders soll nach zehn Minuten gegangen sein." Das kann ich nur zu gut verstehen. Aber ich gehe auch bei Wim Wenders-Filmen nach zehn langweiligen Minuten.
1968 sein erster Filmauftritt. sicher? als 8- jähriger. Nun warum nicht? Und die erzählweise als wär seine Bwerbung wan der HFF gleich darauf gewesen. etwas große Bögen. aber warum nicht.
... darf berechtigt angezweifelt werden.
Schlingensief mag bei wirklichen Kennern (wer das auch immer sein mag) der Szene geehrt werden. Ich persönlich denke, er hätte seine Talente besser ohne dauernde Diskussion über seine Person einsetzen sollen.