Griechenland-Politik Tsipras hat sich Griechenlands Ausbeutung im Parlament bestätigen lassen

Die griechische Bevölkerung erfährt jetzt am eigenen Leibe, was der europäische Kolonialismus über Jahrhunderte in den Weltregionen veranstaltet hat, die uns heute gerne als politisch "korrupt" und ökonomisch "unterentwickelt" gelten. Die politisch-ökonomische "Entwicklungspolitik" der ausgehebelten staatlichen Souveränität und der gezielten sozialen Verarmung, die das koloniale Herrschaftsregime charakterisierte, kommt über Griechenland nun nach Hause - und das viel gerühmte und selbstverliebte Europa der "Aufklärung" damit irgendwie auch zu sich selbst.

In gewisser Weise geschieht dies allerdings auf dem Umweg über die Vereinigten Staaten von Amerika, die als postkoloniale Demokratie das koloniale Regime politökonomisch perfektioniert haben: in Gestalt der berühmt-berüchtigten "Strukturanpassungsmaßnahmen", derer sich die Gesellschaften jenseits des Rio Grande über viele Jahrzehnte hinweg erfreuen durften.

Was "Strukturanpassung" heißt und was sie mit der von den europäischen Institutionen in ihren Hochglanzpublikationen immer wieder gerne im Mund geführten "sozialen Kohäsion" der zuvor offenbar strukturunangepassten Länder macht, lässt sich jetzt endlich nicht mehr nur im Zuge von teuren Fernreisen, sondern ganz einfach vor unserer Haustür beobachten - beziehungsweise in dem abseits gelegenen Dienstbotentrakt des eigenen "europäischen Hauses". Wer wissen will, was die Agenda dieser Strukturanpassung ausmacht, der sollte lesen, was der griechische Ministerpräsident jüngst in Brüssel abzunicken hatte: die Öffnung der Märkte und die Preisgabe öffentlichen Eigentums, die Senkung der Sozialleistungen und die Privatisierung der Infrastruktur - garniert mit der Entmündigung der nationalen Regierung und der Destabilisierung der Demokratie.

Was Schäuble mit einer Schafherde zu tun hat

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Die Griechen werden die Mexikaner Europas

Wenn man böse wäre und sich um das Schicksal von Millionen Menschen nicht weiter kümmern würde - eine in "Europa" natürlich kaum denkbare Eventualität - könnte man sagen: Gut, dass das Elend der neoliberalen Welt nun nicht mehr ausschließlich im "globalen Süden" wütet, sondern auf den alten Kontinent zurückschlägt. Aber wer würde sich eine solche Verelendungstheorie schon zu Eigen machen wollen.

Zumal die Konsequenzen auf der Hand liegen - die Folgeeffekte der US-amerikanischen Hinterhofpolitik lassen grüßen: Millionen Flüchtlinge, die ihre politisch ruinierten und ökonomisch ausgesaugten Heimatländer verlassen und den gefährlichen Weg über die Abschottungsanlagen der reichen Gesellschaften wagen, um ihre Lebenschancen dort zu suchen, wo sie als "Illegale" kriminalisiert und im Zweifel vom rassistischen Mob terrorisiert werden. Die Griechen werden die Mexikaner Europas - und während die unter verallgemeinertem Roma-Verdacht stehenden Bulgaren und Rumäninnen bereits eine Stufe darunter stehen, zittern die "gut ausgebildeten" Spanier und Italienerinnen schon, wie lange ihr Humankapital wohl in den prosperierenden Zentren des europäischen Kapitals noch gebraucht werden wird.

Wie soll das bloß weitergehen? Wer, von der Bild-Schlagzeile vom guten Deutschen und seinem wohltätigen Geld geblendet, am selben Tag in die Financial Times schaute, wurde mit den harten Fakten der politökonomischen Realität konfrontiert: Alexis Tsipras, der demokratisch gewählte und - so meinte er wohl fälschlicherweise - soeben durch ein Volksvotum gestärkte Regierungschef eines EU-Mitgliedsstaates, sei laut den Berichten eines hohen EU-Beamten in der Nacht von Brüssel "gekreuzigt" worden.

Man kann und muss sich das wohl genauso bildhaft und körperlich vorstellen. Tsipras ist allerdings, so ist nun einmal das reale Leben, am dritten Tag nicht auferstanden, sondern hat sich die zwanglos erzwungene politische Entmachtung, ökonomische Ausbeutung und soziale Desintegration Griechenlands im Parlament bestätigen lassen. So geht Demokratie in Europa heute - das System Schäuble macht's möglich. Und ewig rauscht das Geld.

Der Autor ist Professor am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.