"Vom Ende einer Geschichte" im Kino Was, wenn mein Leben eigentlich ganz anders war?

Tony Webster (Jim Broadbent, rechts) trifft auf seine alte Liebe Veronica (Charlotte Rampling).

(Foto: dpa)
  • "Vom Ende einer Geschichte" erzählt von einem Mann, der sich fragt, ob er sich seine Vergangenheit zurechtbiegt.
  • Der Film nach einer Romanvorlage von Julian Barnes ist besetzt mit Charlotte Rampling, Emily Mortimer und Jim Broadbent.
  • Regisseur Ritesh Batra inszeniert den Film mit viel Gefühl für beiläufige Blicke und zarte Zwischentöne.
Von Susan Vahabzadeh

Das Leben ist wie eine Reise im Schnellzug, die Dinge draußen vor dem Fenster rauschen viel zu schnell vorüber, als dass man immer genau wüsste, was man sieht. Das, was uns entgangen ist, setzen wir vor dem inneren Auge zusammen. So fließen in das fertige Bild nicht nur die Wirklichkeit ein, sondern Sehnsüchte und Wünsche, Furcht und Selbstschutz.

Anthony Webster, Tony genannt, der stille Held des Films "Vom Ende einer Geschichte", betreibt ein Fotogeschäft, weil Fotografieren seine Leidenschaft ist. Als junger Mann hat er begonnen, mit dieser Methode Augenblicke zu konservieren, akkurate Abbildungen der Wirklichkeit zu schaffen. Man kann das, glaubt er, nicht mit einer Digitalkamera - man braucht eine Leica. Auf diese alten Fotoapparate hat er sich spezialisiert, allein sitzt er in seinem kleinen Geschäft. Er ist ein Mann im Rentenalter, und wenn kein Kunde seine Leidenschaft mit ihm teilen möchte, ist das auch in Ordnung.

Im Herzen der Teddy-Manie

Der Film "Goodbye Christopher Robin" erzählt, wie A. A. Milne "Pu, der Bär" erfand - und damit seinen Sohn ins Unglück stürzte. Von David Steinitz mehr ...

Überhaupt ist alles in Ordnung, es geht ihm gut, er versteht sich noch mit seiner Ex-Frau, seine Tochter bekommt bald ein Kind. Tony begleitet sie zum Geburtsvorbereitungskurs, sie bekommt ihr Baby allein. Sie glaubt, er werde sie vor dem lesbischen Paar im Kurs bis auf die Knochen blamieren, aber da hat sie ihn unterschätzt. Seine Tochter will er nicht vergrätzen, und Tony weiß, wie man ohne große Dramen durchs Leben kommt. Ein perfektes Mittelklasseleben, ohne große Ausschläge nach oben oder nach unten.

Da bekommt er eines Tages einen Brief, der ihm die Vervollständigung eines sehr ungenauen Bildes verheißt: Tony hat ein Tagebuch geerbt. Vor Jahrzehnten, kurz nachdem er das Fotografieren für sich entdeckt hatte, hat sich Adrian, einer seiner engsten Freunde, das Leben genommen. Man hat erst gar nicht den Eindruck, dass da alte Wunden wieder aufgerissen werden, was Tony treibt, scheint reine Neugier zu sein. Adrian hatte so klare Ansichten darüber, dass man die Dinge von allen Seiten beleuchten muss, um sie zu verstehen.

Anfangs macht das Schwelgen in der Vergangenheit Spaß, aber dann wird es schnell düster

Der Regisseur Ritesh Batra hat für "Vom Ende einer Geschichte" einen Roman von Julian Barnes verfilmt, dessen Lieblingsthema die subjektive Sicht der Dinge ist. Batra inszeniert das mit viel Gefühl für beiläufige Blicke, kaum wahrnehmbare Gesten und zarte Zwischentöne. Schon im vergangenen Jahr hat er einen wunderbar zurückhaltenden Film über das Altwerden gemacht, "Unsere Seelen bei Nacht", mit Jane Fonda und Robert Redford als Paar, das am Ende des Lebens auf der Suche ist nach etwas, was die Angst vor der Dunkelheit ein wenig erträglicher macht. Jetzt spürt Batra einem ganz anderen Aspekt nach, jenem, der den Autor der Vorlage interessiert hat: Wie ist das mit der Erinnerung? Wissen wir wirklich selbst am besten, wie unser Leben verlaufen ist, oder biegen wir die Vergangenheit zurecht?

Batra erforscht das Altwerden anhand von Schauspielern, die selbst nicht mehr ganz jung sind. Eine fantastische Besetzung hat er zusammengetrommelt, im Zentrum steht Jim Broadbent als Anthony Webster. Er dominiert fast jede Szene, mit einer Mischung aus Melancholie und Witz, man könnte sagen: melankomisch. Harriet Walter spielt seine herbe, bärbeißig fürsorgliche Ex-Frau Margaret, und Charlotte Rampling ist Veronica, die Tony das Tagebuch verweigern wird, das er geerbt hat. Tony bittet Margaret, die ihm immer noch nähersteht als irgendwer sonst, um Hilfe, denn sie ist Anwältin. Aber sie ist eben auch seine Ex-Frau, und sie stellt fest, dass es ziemlich viel gibt, was sie nicht weiß.