Verstorbener Altkanzler Für Sie am Klavier - Helmut Schmidt

Helmut Schmidt bei den Proben für ein Klavierkonzert in der Züricher Tonhalle im Jahr 1983

(Foto: imago stock&people)

Wenn Helmut Schmidt am Klavier saß, unterschied er sich demonstrativ von anderen Politikern. Und vielleicht half ihm das Spiel auch bei der Bewältigung eines Kriegstraumas.

Von Helmut Mauró

Am Ende konnte er Musik nicht mehr ertragen. Sie schmerzte ihn. Sie kam durch sein Hörgerät als Gekreisch, Gekrächz, Gepolter. Wie immer untertrieb er ein wenig, wenn er in hanseatischer Nüchternheit sagte, dies sei die Tragödie seines Alters. Es war sicherlich viel mehr und viel schlimmer, es war ein Seelensterben, ein vorzeitiger Gemütstod. Denn das Außergewöhnliche an Helmut Schmidts musikalischem Leben ist nicht unbedingt die Tatsache, dass er Klavier spielen konnte. Auch wenn man sich wundert, wie solcherlei zeitraubende Fähigkeiten in dieser komplexen Biografie Raum fanden.

Nein, das wirklich Besondere und für einen in deutscher Kulturtradition aufgewachsenen Menschen ist die Tatsache, dass Helmut Schmidt in dem vielleicht größten Komponisten Johann Sebastian Bach nicht in erster Linie das konstruktive Genie, die mathematische Begabung, das konsequente Durchhaltevermögen gesehen hat, sondern dessen ungeheure kathartische Potenz, die in seiner Musik liegt.

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Bach und Mozart lagen Helmut Schmidt ganz besonders, sicherlich nicht nur deshalb, weil beide große Werke mitunter auch für bescheidenere technische Ansprüche hinterlassen haben.

So ist Wolfgang Amadeus Mozarts charmantes F-Dur-Konzert für drei Klaviere und Orchester KV 242 auch aus solcherlei Gründen das einzige, das er nicht für sich selber schrieb, sondern für die Gräfin Lodron und deren Töchter Aloisia und Josepha.

Helmut Schmidt hatte für die Studioaufnahme dieses Konzertes stattdessen Justus Frantz und Christoph Eschenbach zur Seite. Und obwohl die Salzburger Gräfin Lodron keineswegs im Strudel der Geschichte unterging, so wird man vielleicht bald sagen können, dass Helmut Schmidt nachhaltig dafür gesorgt hat, dass dieses Konzert nicht gänzlich der Vergessenheit anheimgefallen ist.

Ein mystischer Zauber, der sonst keinen Platz in seinem Leben hatte

Dennoch, darin lag sicherlich nicht der Ehrgeiz oder die Motivation für den damaligen Bundeskanzler. Warum er sich überhaupt zu einer Schallplattenaufnahme hinreißen ließ, wird man vielleicht nie ganz ergründen. Dass es ihm gehörigen Spaß machte, sich darin von politischen Freunden und Feinden so demonstrativ zu unterscheiden, davon kann man ausgehen.

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In Mozarts Klavierkonzert ging es auf einmal nicht mehr darum, "seine Pflichten zu erkennen und ihnen zu genügen", wie er seine Kant'sche Grundeinstellung einmal formulierte. Stattdessen ging es um etwas kaum Greifbares, einen mystischen Zauber, wie er im Leben des Politikers Schmidt sonst keinen Platz hatte.