"Verliebte Feinde" im Kino Zusammen in die Utopie

Die Partnerschaft von Frauenrechtlerin Iris und Ehemann Peter wirkt auch heute noch herausfordernd.

(Foto: ROMAN DROUX)

Die Doku-Fiktion über die Schweizer Feministin Iris von Roten illustriert die Fünfziger Jahre in saftigen Farben. Mangelt es manchmal an ästhetischer und formaler Ordnung, so ist das Modell der Emanzipation - mit, statt gegen den Mann - auch heute noch herausfordernd.

Von Martina Knoben

Die Frauenquote ist ja nun erstmal vom Tisch. Dass Gleichberechtigung gut und schön sei, man aber bitte nichts überstürzen solle - das ist die Haltung vieler Quotengegner, die uns auch in "Verliebte Feinde" begegnet. Nur dass diese Doku-Fiktion über die Schweizer Feministin Iris von Roten (1917-1990) vom Frauenstimmrecht handelt. Eine entlarvende Parallele.

Das Wahlrecht für Frauen wurde in der Schweiz bekanntlich erst 1971 bundesweit eingeführt. Das gesellschaftliche Klima, in dem die Einscheidung für ein solches Gesetz so lange reifen musste, wird hier in saftigen Farben illustriert. Einmal zum Beispiel, noch in den Fünfzigerjahren, ist Iris von Roten auf einer ländlichen Politparty zu Gast, es geht um das Stimmrecht für Frauen. "Die Kuh soll im Stall bleiben", dröhnt ein Mann - ein Satz wie eine Ohrfeige. "Dann passen Sie mal auf, dass die Kuh Sie nicht auf die Hörner nimmt und in die Jauchegrube stößt", kontert die Feministin. "Und die hast du geheiratet ...", muss sich ihr Ehemann Peter von Roten anhören.

Die Stärke dieses klugen und anregenden Films ist, dass er nicht nur das Porträt Iris von Rotens zeichnet, sondern - in Anlehnung an seine Buchvorlage "Verliebte Feinde" von Wilfried Meichtry - gleichberechtigt von Iris' Ehe mit Peter von Roten erzählt. Die Partnerschaft war für beide eine Herausforderung, da sie so unterschiedlich waren. Er ein etwas verklemmter, dabei charismatischer junger Mann aus katholisch-reaktionärem Schweizer Landadel; sie eine äußerst eigenwillige, hochintelligente Protestantin, die weder zum Katholizismus konvertieren, noch sich mit einer Frauen- und Mutterrolle zufriedengeben wollte.

Emanzipation in einer gleichberechtigten Liebesbeziehung

Ihre Forderungen nach wirtschaftlicher und sexueller Gleichberechtigung der Frau schrieb Iris von Roten in dem feministischen Manifest "Frauen im Laufgitter" (1958) auf, das nach seinem Erscheinen einen handfesten Skandal auslöste. Die Thesen des Buches wirken auch heute noch radikal und anregend, schließlich wird nicht nur ein bisschen Gleichberechtigung verlangt, sondern das volle Programm: erotische Freiheit und die weitgehende Befreiung von der "Haushaltsfron", Kindererziehung inklusive.

Dies formulierte kein vom Leben und den Männern links liegen gelassener Blaustrumpf. Mona Petri verkörpert Iris von Roten als attraktive Frau, deren Reiz vor allem auch in ihrem intellektuellen Draufgängertum besteht. Fabian Krüger als Peter von Roten ist ein passender Partner, die erotische Reibung zwischen ihnen erscheint als Kraftquell für beide und vor allem für Peter als Antrieb, weit über sich hinauszuwachsen.

Kann es das geben, eine gleichberechtigte Liebe, die den anderen nicht fesselt, sondern ihm die Welt offenhält? In Spielszenen werden Szenen dieser Ehe nachgestellt und durch Ausschnitte aus dem realen Briefwechsel der beiden, der im Off gelesen wird, belegt. Die Partnerschaft, wie sie im Film erscheint, wirkt auch heute noch herausfordernd, als Modell der Emanzipation nicht gegen, sondern mit dem Mann. Hier werden das Private und das Politische konsequent zusammengedacht. Wo viele Frauen auch heute noch aus taktischen Gründen nicht "zu viel" fordern wollen - man denke an die Quotendiskussion - verlangte Iris von Roten von ihrem Mann genau das: ihr zu folgen in eine radikale Utopie.

Die Verbindung von scheinbar Konträrem, wie sie hier gelebt wurde, wiederholt Werner Schweizer in seinem Film, wenn er Zeitzeugen-Interviews in seine Spielhandlung integriert oder Archivmaterial wie den Briefwechsel oder Fernsehaufnahmen einfügt. Ästhetisch ist das etwas unsauber und erinnert an TV-Filme zu zeitgeschichtlichen Themen. Als Gegenentwurf zu einer Welt antiquiert aufgeräumter Geschlechterrollen aber wirkt die formale Unordentlichkeit passend und auch charmant.

Verliebte Feinde, CH 2012 - Regie: Werner Schweizer, Katja Früh. Buch: Wilfried Meichtry. Kamera: Reinhard Köcher, Carlotta Steinemann-Holy. Mit Mona Petri, Fabian Krüger. Rendezvous, 108 Min.