"Vergiss mein nicht" im Kino Vorgeführt im Verfall

Vater und Sohn mit der demenzkranken Mutter: "Vergiss mein nicht" ist von großer Liebe und Zuneigung getragen - dennoch ist der Film problematisch.

(Foto: Farbfilm)

David Sieveking hat seine demenzkranke Mutter mit der Kamera bis in den Tod begleitet. Erkennbar voller Liebe - dennoch führt er die Frau vor. Und das wirft die Frage auf: Darf man das?

Von Rainer Erlinger

"Ja gut, dann kuck mer das an und dann kann ich mal nach Hause gehen." Man ist verstört, wenn man David Sievekings Mutter Gretel das sagen hört, schließlich sitzt sie mit ihm in dessen altem Kinderzimmer. "Wohin denn nach Hause?" entgegnet auch der Sohn. Sie müsse doch nur wieder ein Stockwerk nach unten gehen, und eigentlich sei sie hier ja zu Hause. "Hier war ich noch nie! Natürlich nicht. Woher soll ich das wissen? Das hab ich doch überhaupt noch nie gesehen", widerspricht Gretel - in dem Haus, in dem sie seit Jahrzehnten lebt. Vorher war ihre Vergesslichkeit bereits thematisiert worden, man hatte von ihrer zunehmenden Demenz erfahren.

Wenn nun aber die Kamera den leicht entrüsteten, vor allem aber irritierten Blick einfängt, mit dem sich Gretel nach einem anfänglichen Lächeln über den Rand ihrer Brille im Zimmer umsieht, beginnt man das Ausmaß zu begreifen - und meint, eine Ahnung zu bekommen, welchen Irritationen und auch welcher Angst ein Alzheimerkranker ständig ausgesetzt ist.

Wenn Dinge zwar einerseits vertraut sind, aber doch unbekannt, wenn ständig alles auf eigenartige Weise neu ist und doch nicht neu. Man meint, ein klein wenig hineinsehen zu können in den Kopf, dessen Vorgänge für den Außenstehenden ebenso unverständlich erscheinen wie die Außenwelt für den Kranken. Sicherlich eine der Stärken des Films "Vergiss mein nicht".

Der Dokumentarfilmer David Sieveking zieht für ein paar Wochen zurück ins Haus seiner Eltern, auch um seinen Vater Malte zu entlasten, der Gretel zu Hause pflegt, statt wie geplant mit ihr nach seiner Emeritierung als Mathematikprofessor auf Reisen zu gehen. Malte fährt auf Urlaub in die Schweiz, wo er mit seiner Frau früher gelebt hat, und Sohn David kümmert sich daheim um seine Mutter, bevor er zusammen mit ihr nachreist.

Zugleich erzählt er anhand von alten Fotos, Filmen und Archivrecherche das Leben seiner Mutter nach. Sie war eine sehr schöne Frau, politisch links engagiert, hatte Sprachwissenschaften studiert und eine eigene Fernsehsendung beim NDR moderiert, sich aber dann später in der Ehe mit Malte um Familie und Kinder gekümmert.

"Hat sie mit ihm das Leben geführt, das sie sich gewünscht hat?" fragt Sieveking und beginnt die Beziehung seiner Eltern zu hinterfragen. Eine offene Beziehung, beide haben ihre Affären gehabt. Im Laufe des Films stellt sich heraus, dass das nicht so problemlos war wie gedacht.

Irgendwann beginnt Vater Malte Gretels Tagebücher zu lesen. In einer Szene spricht er mit dem Sohn und der Kamera darüber, als Gretel dazukommt. Er entschuldigt sich bei ihr, für seine mangelnde Zuwendung. Das Reden mit Gretel und das Reden über sie findet gleichzeitig statt, man versteht, wie eine Demenzkranke einerseits anwesend ist, andererseits aber auch ganz woanders zu sein scheint, und es ist gar nicht klar, ob sie der Inhalt der Entschuldigung erreicht.