US-Serie "House of Cards" Filme schauen, bis der Arzt kommt

Die US-Serie "House of Cards" reagiert auf ein neues Zuschauerverhalten: Das Publikum zieht sich Serien immer öfter in Marathonsitzungen rein. Deshalb wird das Intrigendrama in den USA nur noch per Stream ausgestrahlt, wodurch gleich die nächste Sendung zur Verfügung steht - mit gigantischem Erfolg. Hollywood ist alarmiert.

Von Peter Richter, New York

Vergesst Don Draper und die "Mad Men", vergesst Walt White und "Breaking Bad", vergesst sogar Nicholas Brody und die Spannungs-Folter "Homeland". Es ist mit diesen amerikanischen Fernsehserien, wie man weiß, genauso wie mit allen harten Drogen. Wer einmal damit angefangen hat, ist schwer wieder davon herunterzubringen, aber immer aufgeschlossen für noch stärkere Sachen. So kam "House of Cards" in die Welt - wenn auch zunächst einmal nur in den Teil davon, der Vereinigte Staaten heißt - und jetzt reiben sich alle die Augen. Weil Fernsehserien damit aufgehört haben, das zu sein, was sie mal waren. Weil auch das Kino hier das Gefühl haben durfte, in seine Zukunft zu schauen. Und weil dreizehn Folgen am Stück eine ziemlich lange Strecke sind, wenn man sich das Blinzeln spart, um keine Wendung zu verpassen.

Ende Januar begann Kevin Spacey, von jeder Plakatwand Amerikas herabzulächeln. Er saß da in einem großen Präsidentensessel, genauso wie der marmorne Lincoln in seinem Memorial, die Hände ruhten auf den Lehnen, und erst von Nahem sah man, wie das Blut von ihnen troff. Ab Anfang Februar war er dann in der Rolle des demokratischen Fraktionschefs Francis Underwood beim Personalpolitik-Machen in Washington zu sehen.

Jetzt haben wir März, und der Stand der Dinge ist folgender: Gegen Spaceys Underwood war Machiavelli ein netter, argloser Simpel, gegen Washington ist jedes Minenfeld ein Erholungsort, und der Regisseur David Fincher täte gut daran, schnell die nächste Staffel rauszurücken, denn mit einem ganzen Volk auf Entzug ist nicht zu spaßen. Es mag nicht so eine Cliffhanger-Kaskade sein wie "24" und nicht ganz so tief in der paranoiden Psyche der Nation bohren wie das Terrorismus-Drama "Homeland" - aber in "House of Cards" ist Parteipolitik ein noch perfideres Schachspiel als in jedem Film bisher, vermutlich ist es hier sogar fast schon so brutal und perfide wie in der sogenannten Wirklichkeit.

"Fight Club"-Fincher, "Usual Suspects"-Spacey, dazu (als dessen eisgekühlte Filmehefrau) noch Robin Wright: Das klingt einerseits nach ganz großem Hollywood. "House of Cards" aber war anderseits ursprünglich nur eine kurze britische Fernsehserie. Die wesentlich dunklere amerikanische Adaption ist nun streng genommen noch nicht einmal mehr das. Kein amerikanischer Fernsehsender hat je eine Folge davon ausgestrahlt. "House of Cards" war in den USA von Anfang an ausschließlich auf dem Streamingportal Netflix im Internet zu sehen (in Deutschland hat sich Sky für das herkömmliche Modell entschieden und strahlt die Folgen im Fernsehen aus, allerdings dicht getaktet). Und dieser Umstand verändert alles.

Er ändert zum Beispiel allein schon die Art, wie eine Geschichte erzählt werden kann. Es gibt keine Rückblenden mehr, es wird gleich davon ausgegangen, dass die vorausgegangene Folge auch unmittelbar zuvor erst geschaut worden ist. Folge zwei setzt sogar direkt in exakt derselben Szene wieder ein, mit der Folge eins zu Ende ging.

Das diabolische Geflecht von Francis Underwoods Plänen und Intrigen wäre schon von Folge drei an praktisch gar nicht mehr zu überschauen, wenn immer wieder eine Woche Wartezeit dazwischen läge. Die traditionelle Darreichungs- und Rezeptionsform des Mediums Fernsehserie - immer an einem bestimmten Wochentag zur gleichen Zeit - ist damit außer Dienst gestellt, "House of Cards" ließe sich so wohl nicht mehr wirklich schauen und verstehen.

"Binge Viewing" oder: die Staffel an einem Wochenende

Damit zieht die Serie aber nur die Konsequenz aus der Tatsache, dass viele Menschen ihre Serien heute schon nicht mehr auf diese Weise sehen. Neben das zitternde Warten von Woche zu Woche war schon vor Längerem das Nachholen verpasster Staffeln auf DVD getreten, dann das Herunterladen, schließlich das Streamen.

Das hat ein neues Konsumierverhalten hervorgebracht: Binge Viewing. Es ist eine Entsprechung zum britischen Binge Drinking, die Amerika da der Welt geschenkt hat, das gezielte Zulangen über die Schmerzgrenzen hinaus. Weswegen die Studios das Binge Viewing auch lieber "Marathoning" nennen, weil das weniger gesundheitsgefährdend klingt. Seit Jahren kann man schon Leute damit prahlen hören, sie hätten sich an einem Wochenende eine komplette Staffel "Lost", "West Wing", "The Wire", "Mad Men", "Boardwalk Empire", "Game of Thrones" oder eben "Homeland" einverleibt. Das ist natürlich mehr Film, als ein Mensch ertragen kann, eine Überforderung und eine Strapaze für den Geist und auch den Körper.

Aber es liegt nun einmal in der Logik dieser Art von Dramen, dass man möglichst sofort wissen will, wie es weitergeht. Das mag auch eine Reaktion auf die nicht ganz unproblematische Frage sein, wann man bitte alle diese Serien überhaupt schauen soll, von denen alle immer sagen, dass sie das Beste und Relevanteste sind, was die amerikanische Unterhaltungskultur im Augenblick zu bieten hat (die anders als etwa in Deutschland ja gleichzeitig immer auch das ernsteste Fach sind, das es gibt.) Wie soll man das also bitte alles anschauen, wenn man eigentlich einen Job hat und vielleicht auch eine Familie?

Eine Antwort darauf war: diese Serien in das Familienleben und die Arbeitsgespräche zu integrieren. Die andere war Binge Viewing am Wochenende. Die Ungleichzeitigkeit des Sehens hat dazu geführt, dass es immer Leute mit Kenntnisvorsprung gibt, die von denen, die noch nicht wissen, ob Sergeant Brody in "Homeland" nun ein Terrorist ist oder nicht, dauernd den Mund verboten bekommen müssen. Die Angst vor solchen den Spaß ruinierenden Enthüllungen hat nicht nur die Blogger-Wendung des "Spoileralarms" hervorgebracht - sondern auch einen gehörigen Gruppendruck, sich beim Schauen ranzuhalten.

"House of Cards" ist nun zum ersten Mal als eine Serie gedreht worden, die gar nicht mehr anders geschaut werden will als exakt so. In Hollywood schauen sie "House of Cards" deswegen begreiflicherweise mit gemischten Gefühlen. Die britische Zeitschrift The Economist hat soeben noch einmal vorgerechnet, wie sehr der Triumphzug der amerikanischen Fernsehserien den klassischen großen Spielfilmstudios zusetzt.

Das Fernsehen bekommt für seine Dramen nicht nur plötzlich die besseren Kritiken, es verdient auch richtig viel Geld damit. Dem Economist zufolge sind die vorsteuerlichen Gewinne der Studios von Disney, Universal, Paramount, Twentieth Century Fox und Warner zwischen 2007 und 2011 um 40 Prozent zurückgegangen.

Die Gewinne des amerikanischen Fernsehens wachsen dagegen freudig von Jahr zu Jahr. Sie setzen sich allerdings auch aus Werbung und aus Kabelgebühren zusammen. Die Filmstudios sind dagegen völlig von den Launen der Leute an den Kinokassen abhängig, und die werden wiederum von Jahr zu Jahr weniger, weil die Kinos des Landes immer weiter herunterkommen, was in eine Art Abwärtsspirale zu münden scheint. Umso wichtiger war ihnen zuletzt als Einkunftsquelle die Zweitverwertung auf Kauf- und Verleihvideos und dergleichen geworden. Dieses Feld wird ihnen aber nun von Seiten wie eben Netflix streitig gemacht.

Die Studios haben steigende Kosten, verdienen aber weniger, machen weniger Filme und zahlen auch weniger. Filmschauspieler und Filmregisseure finden es in dieser Situation plötzlich gar nicht mehr so sehr unter ihrer Würde, in Fernsehproduktionen mitzuwirken. Früher galt das mal als eindeutig zweite Liga. Da hat eine interessante Statusverschiebung stattgefunden in den vergangenen Jahren. Jetzt müssen sich die Hollywood-Diven bei der Oscar-Verleihung von dem Moderator Seth McFarlane verhöhnen lassen, dem Erfinder der Cartoonserie "Family Guy".

Auf der anderen Seite sind den Studios Portale wie Netflix in dieser Situation wiederum noch eine Art Rettungsring, denn dadurch, dass die Streaming-Portale Fernsehsender wie HBO mit hohen Preisen beim Kampf um exklusive Inhalte auszustechen versuchen, kommt immerhin doch noch etwas Geld in die Kassen.

Das Fernsehen wiederum könnte im Erfolg der Fernsehserien das Ende des eigenen Geschäftsmodells erahnen. Denn wenn man die Sachen alle auf einmal im Netz haben kann, braucht man eigentlich auch keine Fernsehsender mehr. Google scheint das mit seinen Fernsehprojekten ähnlich zu sehen, und auf dem Apple-Fernseher sind klassische Fernsehsender nur noch eine von sehr vielen anderen Quellen für bewegte Bilder.

Eine Menge Spieler in vertrackten Beziehungen zueinander sind das, es geht ihnen um Geld, Macht und um nacktes Überleben. Das, was da gerade passiert, ist von einer Dramatik, dass es eigentlich direkt mal einer verfilmen sollte - wo und in welcher Form auch immer man es dann wird sehen können.