Terror in Paris Der IS ist schwächer als viele denken

Es läuft nicht gut für die Terroristen. Sie verlieren Gebiete wie die syrische Stadt Kobanê (Foto). Die Angriffe in Paris sollten ein Befreiungsschlag sein.

(Foto: Sedat Suna/dpa)

Große, koordinierte Selbstmordattentate in fernen Ländern hat die IS-Führung bislang abgelehnt. Das ändert sich nun, weil der "Islamische Staat" etliche Niederlagen erlitten hat.

Von Bernard Haykel

Es war keine Überraschung, dass die radikalen Islamisten des Islamischen Staates die Terroranschläge in Paris verübt haben. Der "Islamische Staat" (IS) hat stets Moslems dazu aufgerufen, den Westen mit "Einsamer Wolf"-Anschlägen anzugreifen, wenn sie nicht in seine Gebiete in Syrien und im Irak "auswandern" können. Dringendstes Anliegen der IS-Ideologie ist es allerdings, dass Moslems zusammenkommen, um das Kalifat zu errichten, damit sie im IS-Land ein tugendhaftes Leben führen können. Angeblich ist dies sogar religiöses Gebot.

Was die Paris-Anschläge aber besonders macht, das ist ihre Komplexität und Koordinierung. Es waren eben keine Einzelkämpfer-Anschläge. Sie scheinen vielmehr vom IS organisiert und gelenkt worden zu sein. Damit erinnern sie an die Übersee-Operationen der al-Qaida. Diese aber haben die Führer des IS bisher immer verdammt. IS-Ideologen haben organisierte Gewalt immer gegen einen nahen Feind gerichtet, vor allem gegen Schiiten und Agenten "abtrünniger" arabischer Regierungen wie Irak oder Saudi-Arabien.

Große und koordinierte Angriffe in fernen Ländern sollten vermieden werden, weil sie häufig massive Vergeltungsschläge und den Verlust von Territorium zur Folge hätten. Die IS-Führer haben al-Qaida immer wieder für ihre Anschläge vom 11. September 2001 kritisiert, weil danach nicht nur die Bewegung in Afghanistan vernichtet wurde, sondern auch ihr Gastgeber, das Taliban-Regime. Angriffe auf ferne Ungläubige gehörten nicht zu den Prioritäten, weil Feinde wie die Schiiten sehr viel näher und gefährlicher sind.

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Wie kann man also die Paris-Angriffe erklären, die eine deutliche Abkehr von der bisherigen Taktik, wenn nicht sogar Strategie des IS bedeuten? Mit einem Wort: Niederlage. Der IS hat kürzlich sogar eine ganze Reihe von Niederlagen erlebt; er hat Gebiete verloren, viele aus der Führungsriege sowie zahlreiche Kämpfer sind tot, und die Rekrutierungsnetzwerke trocknen aus. Der IS hat sowohl in Syrien als auch im Irak Land verloren, zuletzt die Stadt Sindschar an die Kurden und im Oktober Baidschi an die irakische Regierung und Milizen. Die Straße zwischen Mossul und Raqqa, den beiden wichtigsten urbanen Zentren des IS, ist nicht mehr unter seiner Kontrolle.

In Syrien hat der IS nicht nur Kobanê verloren, sondern auch Tal Abjad, und wie es aussieht, steht er kurz davor, sämtliche Gebiete entlang der türkischen Grenze zu verlieren. Nach dem Selbstmordanschlag von Ankara hat die Türkei effektiv die Pipeline unterbrochen, über die neue Rekruten über ihr Staatsgebiet geschleust wurden. Zudem hat sich die russische Luftwaffe auf Seiten des Assad-Regimes in den Krieg eingemischt. Darüber hinaus waren die Luftangriffe der Allianz, zu der auch Frankreich gehört, im Oktober verheerend. Der entscheidende militärische Faktor ist dabei die Koordinierung der Luftschläge mit örtlichen Bodentruppen wie den Kurden.

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Auch außerhalb von Syrien und dem Irak hat sich die Lage des IS militärisch verschlechtert: Sein oberster Befehlshaber in Libyen wurde kürzlich getötet. Die verbündete Gruppe in Nigeria, Boko Haram, hat ebenfalls Rückschläge erlitten. Sogar im Jemen haben andere sunnitische Gruppen, wie al-Qaida auf der arabischen Halbinsel, den IS überrundet.

Die Reaktionen des IS auf seine Niederlagen waren verzweifelt - eine endlose Reihe von Selbstmordanschlägen sollte die Verluste ausgleichen. Die Vorgänger des IS, al-Qaida im Irak, folgten demselben Muster. Als sie ab 2007 an Gebiet verloren, erhöhten sie die Zahl ihrer Selbstmordattentate.