Statisten in Spanien Wenn Arbeitslose Sklaven mimen

Wie groß muss die Verzweiflung sein, wenn man sich darum reißt, einen Sklaven in der Wüste zu mimen? Als Ridley Scott für seine "Exodus"-Verfilmung Statistenjobs ausschreibt, machen sich mehr als 20.000 arbeitslose Spanier auf den Weg. Eine Geschichte aus dem Zentrum der Krise.

Von Sebastian Schoepp

Da war niemand, der Brot vom Himmel fallen ließ, niemand, der wie Moses aus einem Felsen Wasser schlug und niemand, der das Meer der Menschen teilte. Da war nur die zornige biblische Hitze - und die Sklaventreiberin mit der Sonnenbrille oben auf der Treppe, die unentwegt in ihr Megafon schrie: "Keine Dicken, keine Blonden - he du da, glaubst du, du siehst aus wie jemand, der durch die Wüste gelaufen ist? Hau ab nach Hause!"

Bis zu neun Stunden haben in diesem August Zehntausende Spanier bei 40 Grad Schlange gestanden, um einen Job als Sklaven-Komparse in einem Bibelfilm zu erhalten. Dabei geht in Andalusien im Hochsommer normalerweise niemand freiwillig auf die Straße. Doch normal ist in Spanien schon lange nichts mehr in Zeiten von 25 Prozent Arbeitslosigkeit, in Andalusien sind es sogar 35 Prozent. Da schillert jede noch so kleine Hoffnung auf jeden noch so kurzfristigen Job wie ein Regenbogen über dem Sinai.

Der Regisseur Ridley Scott will im Herbst in Südspanien das alttestamentarische Buch Exodus mit Christian Bale als Moses verfilmen. Es geht um den Auszug der Israeliten aus ägyptischer Sklaverei, den Zug durchs Rote Meer und durch die Wüste. Dafür braucht er zweitausend Statisten. 80 Euro Tagesgage winken, das ist eine Menge Geld in einem Land, in dem es nicht mehr selbstverständlich ist, dass man für Arbeit überhaupt bezahlt wird.

Familiendramen spielen sich ab

Als das Casting Anfang August angekündigt wurde, setzte eine Art Völkerwanderung ein: Mehr als 20.000 Menschen strömten in die fünf Drehorte Pechina, Almería, Roquetas del Mar, El Ejido und Macael, wo in den Marmorbrüchen die Schufterei der Israeliten in pharaonischer Knechtschaft nachgestellt wird. Urlauber ließen ihren Strand in Cabo de Gata zurück, afrikanische Migranten ihren Bauchladen mit Billigsonnenbrillen, Rastas aus Madrid ihren Joint. Sogar Familien aus Galicien im regnerischen Nordwesten folgten dem Ruf. "Einen massiven Zulauf", konstatierte Pilar Moya von der Castingfirma in der spanischen Presse. Das verschlafene Pechina hat nur 3500 Einwohner, aber am Castingtag drängten sich an die 5000 Bewerber durch die Gassen.

Das Ganze ähnelte einem Sklavenmarkt mit umgekehrten Vorzeichen. Gebraucht wurden nicht die Stärksten, Schönsten und Größten. Um Sklave sein zu dürfen, galt es, eher dünn, sonnenverbrannt und ausgemergelt aussehen, zynisch könnte man sagen: Je mehr von der Wirtschaftskrise gezeichnet, desto besser. In einem Video ist ein verwahrloster Mann zu sehen, der an seinem Zottelbart nestelt: "Gut, dass ich den hab." Familiendramen spielten sich ab: Von zwei Kinder wurde eines engagiert, das andere nicht. Es sei zu dick, lautete das Verdikt der Caster. "Stimmt ja gar nicht", versuchte die Mutter das aufgelöste Mädchen zu trösten.

Lola Haro wurde genommen, wegen ihres maurischen Einschlags, den in Südspanien viele haben. "Ich habe das Casting von Pechina überlebt" sagt sie lachend. Das Chaos habe "gefährlich" angemutet, sie berichtet von überforderten Polizisten, Ohnmachten, Panikattacken, dehydrierten Frauen. Sie sei stinksauer nach Hause gekommen. Aber den Job hat die 26-Jährige. Sie ist arbeitslos, die Suche nach Beschäftigung hat sie zwischenzeitlich bis nach Norwegen getrieben. Dass eine bedrückende Symbolik dahintersteckt, wenn Arbeitslose Sklaven mimen, ist auch ihr klar. "Aber wir nehmen das mit Humor", sagt sie.

Dass die Wahl Ridley Scotts auf Spanien fiel, liegt nahe. Originaldrehorte fallen aus, im Sinai wimmelt es von marodierenden Beduinen und schießwütigen Islamisten. In den kargen, wüsten Weiten um Almería wurden schon "Lawrence von Arabien", "Cleopatra" und diverse Italowestern gedreht, neuerdings sei die Gegend auch gefragt als Afghanistan, sagt Piluca Querol, Direktorin der andalusischen Filmförderungskommission. Sie hat sich persönlich bemüht um Ridley Scott. Man zeigte ihm Drehorte, flog ihn im Hubschrauber über Wüsteneien. Ihn für Andalusien gewonnen zu haben, betrachtet die Direktorin als "enormen persönlichen Erfolg nach Monaten harter Arbeit". Man hofft nun auf den Scott-Effekt, also auf Nachahmer.

Fast alles realisierbar, solange es Jobs bringt

Für die Wirtschaft seien die Dreharbeiten ein Faktor, den man noch gar nicht beziffern könne. Tausende Menschen fänden Arbeit, nicht nur Statisten, sondern auch Zimmerer, Schreiner, Elektriker, Gärtner und die Hotellerie. Natürlich habe beim Andrang zum Casting die Massenarbeitslosigkeit in der Region eine Rolle gespielt, sagt Piluca Querol. Der Job sei eine "außergewöhnliche Chance" für viele Leute.

Wie groß muss die Verzweiflung sein, wenn man sich darum reißt, einen Sklaven in der Wüste zu mimen? Ziemlich groß, und das Filmprojekt ist keineswegs der extremste Fall. Derzeit ist in Spanien alles realisierbar, solange es Jobs bringt: Bei Madrid stellt der US-Milliardär Sheldon Adelson demnächst seine gigantische Kasinostadt Euro-Vegas in die wasserlose Einöde, ein äußerst umstrittenes Milliardenprojekt, das zockende Russen und Chinesen anlocken soll und für das eine Reihe von Gesetzen geändert werden muss. Ein Dorf jubelt, weil man es als mögliche Endlagerstätte für Atommüll ausgewählt hat. An der Küste werden Baubeschränkungen zurückgenommen, mit denen die frühere sozialistische Regierung den Immobilien-Wahn hatte stoppen wollen. In den Bergen wird der Naturschutz gekippt, damit reiche Jäger ein Paar Euro in den Dörfern lassen.

Spanien mache sich zur Hure, hat Felipe González, der frühere Ministerpräsident, gesagt. Aber der ist nur ein Rufer in der Wüste.