Sprache "Sozialtourismus" ist das Unwort des Jahres

Das "Unwort des Jahres 2013" steht fest. "Sozialtourismus" passt allerdings auch noch gut zum Beginn des Jahres 2014, der von einer Diskussion über die Armutsmigration in Europa dominiert wird.

Aktueller kann der Bezug kaum sein. Das Unwort des Jahres passt zur derzeitigen Debatte über die Armutsmigration aus Rumänien und Bulgarien. Es lautet "Sozialtourismus".

Das "Unwort des Jahres 2013" lautet "Sozialtourismus". Das gab die Jury unter dem Vorsitz der Sprachwissenschaftlerin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt bekannt. Mit dem Schlagwort "wurde von einigen Politikern und Medien gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer, insbesondere aus Osteuropa, gemacht", begründete die Jury ihre Entscheidung.

Janich erklärte: "Dies diskriminiert Menschen, die aus purer Not in Deutschland eine bessere Zukunft suchen, und verschleiert ihr prinzipielles Recht hierzu." In der Begründung der Jury hieß es außerdem: "Das Grundwort 'Tourismus' suggeriert in Verdrehung der offenkundigen Tatsachen eine dem Vergnügen und der Erholung dienende Reisetätigkeit". Das Wort "Sozial" reduziere die damit gemeinte Zuwanderung auf das Ziel, vom deutschen Sozialsystem zu profitieren.

Der Ausdruck reihe sich ein in ein Netz weiterer Unwörter, die diese Stimmung befördern, sagte Janich, wie etwa "Armutszuwanderung". Mit dem Begriff "Armutszuwanderung" bezeichnet die CSU gering qualifizierte Migranten, die nach Einschätzung der Partei in Deutschland vor allem Sozialleistungen in Anspruch nehmen wollen, aber kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Der Jury gehörte in diesem Jahr der Schriftsteller Ingo Schulze an. Schulze wählte die Bezeichnungen "Arbeitnehmer/Arbeitgeber" zu seinem persönlichen Unwort des Jahres.

Von der grundlegenden Bedeutung von Arbeit als Leistung ausgehend verkehre das Wortpaar in dramatischer Weise die tatsächlichen Verhältnisse, erklärte der Autor. "Wer die Arbeit leistet, gibt, verkauft, wird zum Arbeitnehmer degradiert - wer sie nimmt, bezahlt und von ihr profitiert, zum Arbeitgeber erhoben", begründete Schulze seine Wahl.

Ziel ist höhere Sensibilität für Sprache

Das "Unwort des Jahres" wird seit 1991 jedes Jahr ausgewählt. Durch die Aktion soll das Sprachbewusstsein in der Bevölkerung gefördert werden. Dazu benennt eine Jury aus sechs Experten ihrer Ansicht nach unangemessene oder inhumane Formulierungen, um die Sensibilität für die Sprache zu erhöhen.

Die Jury besteht aus vier Sprachwissenschaftlern, einem Journalisten sowie einem jährlich wechselnden Mitglied aus dem Bereich Kultur und Medien. Sie arbeitet institutionell unabhängig. Unwortvorschläge können jedes Jahr bis zum 31. Dezember eingereicht werden. Die "Unwörter des Jahres" lauteten

  • 2012: "Opfer-Abo"
  • 2011: "Döner-Morde"
  • 2010: "Alternativlos"
  • 2009: "Betriebsratsverseucht"
  • 2008: "Notleidende Banken"
  • 2007: "Herdprämie"
  • 2006: "Freiwillige Ausreise"
  • 2005: "Entlassungsproduktivität"
  • 2004: "Humankapital"
  • 2003: "Tätervolk"