Sprache in der Flüchtlingsdebatte "Politiker scheuen sich davor, moralisch zu sein"

Kommunizieren die etablierten Parteien in der Flüchtlingsdebatte also falsch?

In dem Moment, wo sie sich als Gruppe nicht darüber im Klaren sind, wie sie die Frage beantworten: "Wie sollen wir denn nun mit den Flüchtlingen umgehen?", wird es unheimlich schwer, ihre Botschaft zu transportieren. Das sehen wir gerade bei den Volksparteien. Deren Vertreter scheuen sich geradezu davor, moralisch zu sein, vielleicht auch mal emotional zu werden. Sie sind ja rationale Politiker. Dabei zeigt die Forschung ganz deutlich: Der Mensch denkt nicht faktenbezogen über Politik. Er verlässt sich auf sein Wertegefühl.

Ist es kontraproduktiv, wenn Politiker, aber auch Medien dem "Flüchtlingstsunami" die neutralere "Flüchtlingsbewegung" entgegenhalten - weil sie damit ihre eigene Position gegenüber rechtspopulistischer Propaganda schwächen?

Da möchte ich widersprechen. An Ihrem Beispiel sehen Sie, wie sehr wir alle in der derzeitigen Debatte in einem bestimmten Denkmuster verhaftet sind: Denn schon "Flüchtling" ist ein Frame, der sich politisch gegen Flüchtlinge richtet.

Können Sie das erklären?

Mit der Endung "-ling" wird der Flüchtende klein gemacht, abgewertet. Klein sein steht metaphorisch oft für die Idee des Schlechtseins oder des Minderwertigseins. Nehmen Sie den "Schreiberling" oder auch den "Schönling". Schön ist eigentlich ein positiv besetzter Begriff, der allein durch die Endung ins Negative verkehrt wird. Außerdem ist der Flüchtling ein männliches Konzept.

Warum ist das problematisch?

Die Forschung zeigt, dass das enkodierte Geschlecht, also das einem Begriff zugerechnete Geschlecht, die Wahrnehmung des Begriffs beeinflusst. In einem Versuch hat man Deutschen und Spaniern das identische Bild einer Brücke gezeigt. Im Deutschen ist die Brücke weiblich, im Spanischen ist el puente männlich. Die Versuchsteilnehmer wurden dann gebeten, zu beschreiben, was eine Brücke ist. Die Deutschen nannten typisch weibliche Attribute: grazil, schön, verbindend. Die Spanier listeten stereotyp männliche Merkmale auf: robust, schroff, hart. In dem Moment, in dem wir Sprache nutzen, die ein Geschlecht mitliefert, schlägt sich dieses Geschlecht in unserer Wahrnehmung nieder.

Was bedeutet das für den Flüchtling?

Der Flüchtling impliziert: Er ist eher stark als hilfsbedürftig. Er ist eher aggressiv als umgänglich. Dieses Bild hat sich nach den Übergriffen von Köln verstärkt, weil patriarchalische Züge, Merkmale einer arabischen Macho-Kultur hinzukamen. Eine explosive Mischung.

Wie geht es sprachlich besser?

Wenn ich in diesem Moment mit einer politischen Gruppe zusammensitzen würde, wäre das Erste, was ich ihr raten würde: Streichen Sie das Wort Flüchtling aus Ihrem Vokabular! Sie richten damit Schaden an. Besser ist es, von Flüchtenden oder Geflüchteten zu sprechen. Die Geflüchtete, der Geflüchtete, das geflüchtete Kind - das wird den unterschiedlichen Menschen, die zu uns kommen, eher gerecht.

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Sprachliche Vorsicht ist also angebracht. Aber wie verhindert man, der AfD auf den Leim zu gehen, man muss ihr doch widersprechen.

Verstummen ist natürlich nicht die Lösung. Die politischen Parteien müssen ihre eigenen Frames dagegenhalten. Dazu müssen sie aber erst einmal die eigene ideologische Perspektive klären. Und dann müssen die erarbeiteten Anliegen sprachlich eindeutig kommuniziert werden. In Parteiprogrammen, im Wahlkampf, in Meinungsumfragen und eben auch in Talkshowdebatten.

Eine Argumentationslinie im Umgang mit AfD und Pegida lautet: "Lasst sie ruhig sprechen, die entlarven sich schon selbst." Ist das naiv?

Die Idee ist richtig - aber nur, wenn Sie dem Zuschauer eine gedankliche Alternative anbieten können. Nicht mehr von Flüchtlingen, sondern von Geflüchteten zu sprechen, wäre ein Anfang. Man müsste sich auf die Fluchtursachen konzentrieren und darauf, dass diese Menschen zu uns kommen, weil sie in ihrer Heimat in Gefahr sind. Das Schutzgeben könnte ein wirkmächtiger Frame gegen rechtspopulistisches Gedankengut sein.

Das Buch "Politisches Framing - Wie eine Nation sich ihr Denken einredet und daraus Politik macht" von Elisabeth Wehling erscheint im Herbert von Halem Verlag. Die Autorin ist auf Vortragsreise: am 17. Februar in Köln, am 23. Februar in Wien und am 2. März in Berlin.

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