"Spieltrieb" im Kino Verschwitzte Phantasie

Reminiszenzen an Musil, Dostojewski und Nietzsche sind Mode. Trotzdem gelingen dem deutschen Kino keine jugendlichen Dandys mehr, auch nicht in "Spieltrieb", der Verfilmung des Romans von Juli Zeh. Warum eigentlich?

Von Rainer Gansera

Irrungen und Wirrungen der Adoleszenz, im Kabinett endloser Spiegelungen: eine Pose ist eine Pose ist eine Pose. Reminiszenzen an Musil, Dostojewski und Nietzsche - das klingt ja doch erstmal vielversprechend. Aber warum gelingt es nicht mehr? Der Typus des jugendlichen Dandys und Provokateurs, vom Kino schon immer geliebt - dem gegenwärtigen deutschen Film scheint er sich zu entziehen. In Gregor Schnitzlers "Spieltrieb" zum Beispiel. Da heißt der Held Alev (Jannik Schümann): betuchte Eltern, polyglott, eleganter Anzug, weißes Hemd, Schlips, Lederschuhe. So setzt er sich ab vom gemeinen Turnschuh-Fuzzie. An einem Bonner Privatgymnasium mit Internat ist Alev "der Neue", der durch seine Extravaganz Aufsehen erregt.

Smart wie ein Posterboy, aber angefüllt mit düster-pathetischen Maximen à la: "Nur wer das Nichts in sich entdeckt und die Werte aus sich selbst schöpft, ist wirklich frei und ein Spieler!" Es klingt von Anfang an reichlich verquollen, was der Achtzehnjährige von sich gibt, aber der fünfzehnjährigen Ada (Michelle Barthel) gefällt das. Sie kann Nietzsche-Zitate beisteuern: "Der Teufel ist der älteste Freund der Erkenntnis!" Die "hochbegabte" Ada hat zwei Klassen übersprungen, zeigt sich im Existentialisten-Outfit mit schwarzen Rollkragenpullis, liest unter dem Pult heimlich Dostojewski und verliebt sich in Alev. Auch wenn sie immer wieder betont, dass sie an die Liebe nicht glaube.

Im Bann von Alevs "Mache die Menschen zu deinen Spielfiguren"-Philosophie wird sie zum Lockvogel, der die Existenz des Deutsch- und Sportlehrers Smutek (Maximilian Brückner) in den Abgrund reißen soll. Ada verführt Smutek in der Turnhalle, Alev filmt das und kann den armen Lehrer zu weiteren kompromittierenden Sexübungen erpressen. Spätestens bei dieser Intrige zerbröselt der ganze Nihilismus-Überbau, denn Alev und Ada erscheinen keineswegs als verrucht und waghalsig, sondern als Figurinen einer peinlich verschwitzen Sexspielchen-Phantasie.

Brav in Rotlicht getauchte Ausflüge in Strip-Lokale

Regisseur Gregor Schnitzler hat aus Juli Zehs 566-Seiten-Roman, der im Jahr 2004 erschien, eine schräge Teenie-Romanze destilliert. Als "Verrat" am Roman kann man das nicht bezeichnen, eher als Kenntlichmachung seiner kolportagehaften Züge. Schnitzler präsentiert die handelsüblichen Standards: von den Poolpartys, die wie Hiphop-Musikvideos aussehen, über die Postkartenbilder bei der Klassenfahrt bis zu den brav in Rotlicht getauchten Ausflügen in Strip-Lokale; von Adas Stress mit der alleinerziehenden Mutter bis zu ihrer dramatisch aufgedonnerten Defloration.

Michelle Barthel kann in der Ada-Figur durchaus den Widerstreit von Härte und innerer Verletzlichkeit zeigen, aber ihr fehlt der der nötige Widerhall bei den Männer-Parts. Maximilian Brückner lässt den Lehrer Smutek derart bieder erscheinen, dass man ihm nicht einmal die behauptete Vorliebe für Musils "Mann ohne Eigenschaften" abnehmen will - geschweige denn erotische Attraktion. Vor allem aber bleibt die Alev-Figur ohne Faszination. Seine verächtlich herabgezogenen Mundwinkel gerinnen zur Überheblichkeits-Maskerade: ein gelangweilter Internatsschnösel, der kein besonderes Interesse auf sich zu ziehen vermag.

Der Zufall will, dass aktuell zwei weitere deutsche Kinofilme gerade mit solchen Schnösel-Sprösslingen aufwarten, die ihre Lehrer wie Dienstboten behandeln und der Welt die kalte Schulter zeigen. In Caroline Links "Exit Marrakech" ringt der jugendliche Held mit der Vaterfigur und vertändelt seine Provokation in launischer Gereiztheit. Und in einer Episode aus Frauke Finsterwalders "Finsterworld" ist die Provokation schrill aufgespreizt, wenn uniformierte Gymnasiasten - offenbar entstammen sie einem Eliteinternat nach englischem Vorbild - eine KZ-Gedenkstätte besuchen und der "böse Bube" unter ihnen eine Mitschülerin in den Verbrennungsofen schubst. In allen drei Filmen rutscht die Zeichnung des provokanten jugendlichen Dandys ins Banale, weil die Charaktere auf Idiosynkrasien reduziert sind. Sie werden als kauzig und kurios dargeboten, ihr Weltbezug verkürzt sich auf Kabarettismen, die bequemste und billigste Form der Distanzierung.

Als Gegenbild kann man sich den Reichtum der Charakterzeichnung und die seismografische Weltdeutung in Robert Musils erstem Roman "Verwirrungen des Zöglings Törleß" vor Augen halten. Juli Zehs Roman ist ja bis in szenische Details der Versuch einer Replik auf den "Törleß". In "Spieltrieb" findet die "Erpressung" des Lehrers Smutek in der Turnhalle statt. Die Türen sind verschlossen, der Schulleiter und der Hausmeister rütteln daran. Auch im "Törleß" erreicht das Drama des Internatszöglings seinen Höhepunkt in einer solchen Turnhallenszene. Aber während da grausame Folterspiele exekutiert werden, wendet sich der Held von seinen bisherigen Freunden ab und durchschaut die ganze Anstalt in ihrer Fragwürdigkeit.

In seinem Nachruf auf James Dean hat François Truffaut die Gestalt des jugendlichen Provokateurs hymnisch beschrieben, eine Gestalt der Wahrhaftigkeit und moralischen Reinheit, charakterisiert durch "den Taumel und Stolz, sich außerhalb der Gesellschaft zu fühlen, verquickt mit dem Wunsch dazuzugehören". Hier bleibt davon nur das gespreizte Zitat.

Spieltrieb, D 2012 - Regie: Gregor Schnitzler. Buch: Kathrin Richter, Jürgen Schlagenhof, nach dem gleichnamigen Roman von Juli Zeh. Kamera: Andreas Berger. Mit Michelle Barthel, Jannik Schümann, Maximilian Brückner. Concorde, 102 Minuten.

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