Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen? Diese Haltung darf als überwunden gelten. Warum es keine Alternative zum Sozialstaat gibt und faul sein sollte, wer faul sein will.
Früher hieß es: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Diese Haltung war grausam, und sie darf als überwunden gelten. Heute scheint die Losung zu lauten: Wer nicht arbeitet, dem sei wenigstens die Muße versalzen. Da diese aber das Einzige ist, was der Arbeitslose dem Arbeitenden voraus hat, ist die Grausamkeit kaum geringer. Der Empfänger staatlicher Leistungen erhält morgens Telefonanrufe seines Sachbearbeiters, der schon im Büro sitzt; und es wird ihm so schwer wie möglich gemacht, in Urlaub zu fahren. Auf den Ämtern dauert es stundenlang, bis er mit einem kurzen Gespräch dran ist; dann darf er noch mal kommen, weil ein Formular fehlt. Es wird ihm vor Augen geführt, dass, solange er Geld vom Staat bezieht, sein Leben kein Leben im Vollsinn des Worts ist, sondern nur jenen verminderten Grad des Daseins beanspruchen darf, den das Warten bedeutet.
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Das Geld reicht für alle - aber die Arbeit nicht. (© Foto: dpa)
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Das ist grausam; einen bewussten Sadismus aber sollte man dem System nicht unterstellen. Sondern es benötigt diese Grausamkeit, die immerhin die permanente Degradierung von Millionen Einzelleben besorgt, um vor sich selbst und anderen zu verschleiern, wie es faktisch funktioniert. Denn unsere Gesellschaft ist weder eine Wissens-, noch eine Freizeit- oder Risikogesellschaft. Was alle diese Aspekte erst so miteinander verbindet, dass sich ein angemessenes Gesamtbild ergibt, ist der Begriff der Arbeitsgesellschaft.
Nur die Arbeit vermittelt den Menschen mit der Gesellschaft, nur wer arbeitet, hat an ihrem Leben wirklich teil. Und so wird beharrlich an der Illusion gewirkt, die finanzielle Stütze, die der nicht Arbeitende vom Staat erhält, sei nur eine vorübergehende Überbrückung, bis er wieder auf die Beine kommt und neuerlich mitmachen kann, eine Spezialregelung für katastrophale Sonderfälle. Das Fegefeuer ist kein Wellness-Wochenende, nährt aber den gnädigen Wahn, man sei noch nicht in der Hölle. Alle diese Umschulungen für verrentungsnahe Jahrgänge, ABM-Maßnahmen und was es sonst noch so gibt, dienen nicht nur der Schönung der Statistik, sondern verfolgen den tieferen Zweck, als transitorisch oder jedenfalls exzeptionell zu behaupten, was auf breiter Front irreparabel ist. Was auf den ersten Blick wie die reine Piesackerei anmutet, erweist sich als Akt der Fürsorge, als lindernder Balsam auf einer Wunde, die sich niemals mehr schließen wird.
Der Sozialstaat beruht auf der fundamentalen Tatsache, die gleichzeitig gründlich vertuscht wird, dass die Arbeit nicht für alle langt, das durch sie erzeugte Geld aber schon. Die Produktivitätsrate der Arbeit, heißt es, steige hierzulande jährlich um 0,6 Prozent. Um denselben Wert zu erzeugen, braucht man also jedes Jahr 0,6 Prozent weniger Zeit und damit Arbeitskraft. Jede frühere Epoche, die noch im Schweiße ihres Angesichtes ihr Brot aß, hätte das als Erfolg verbucht. Doch wie auch sonst so oft, ist es der Menschheit auch hier geglückt, aus einer Lösung ein Problem zu machen. Eigentlich könnten alle 20 Wochenstunden arbeiten, ohne dass die Gesellschaft Einbußen erlitte. Tatsächlich arbeiten einige 60 Stunden und andere null.
Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie das Geld umverteilt werden könnte.
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Hallo alle,
das ist ja mal ein schöner Artikel, der auch in punkto Arbeitssinn in die Tiefe geht... wenn auch leider etwas einseitig, daher möchte ich klarstellen, dass "Arbeit" erstmal definiert sein muss.
Hier wird Erwerbsarbeit gemeint, nicht schöpferische Gestaltung oder notwendige Umstände zum Erreichen eines Zieles oder Aufwendung von Energie (Energieumwandlung).
Es gibt unzählige Menschen, die sogar für ihre Arbeit (also ihr Schaffen, das gar nicht so selten auch für andere von Nutzen ist als für die Schaffenden) BEZAHLEN oder zumindest nichts oder kaum was verdienen und die die Arbeit wegen ihres SINNS machen. Es ist nicht falsch, für 200 EUR mehr 30 oder 40 h die Woche zu arbeiten, wenn man das gern macht. Es ist falsch, es einfach so von allen zu verlangen und dabei dann keine vernünftige Grundsicherung zu leisten, sondern Abhängigkeiten und Instabilitäten zu fördern und beständig Menschen aus der dritten Welt mit Postindustriellen Problemen der Industrieländer zu belasten. Vor der Haustür produzieren ist ökologischer und senkt generell den Frust!
Ich möchte in 20 Jahren keine genmanipulierten Stühle vom Akker, gönne die aber anderen, die wirklich ihre Hände nicht rühren mögen, um mal ein Stühlchen für den Eigenbedarf zu produzieren (das darf doch um Gottes willen jeder selbst entscheiden) sondern durch das Bedingungslose Grundeinkommen (=BGE) endlich mehr Gestaltungsfreiheit für alle haben (will ich Biokartoffeln, darf ich die selber anbauen, auch wenn das heutzutage ökonomisch nicht sinnvoll wäre für eine Einzelperson etc. gärtnern lieben heute schon viele Menschen und leisten dabei physikalisch und auch "nachhaltig" mehr, als beim bezahlten Job/Einkommensplatz im Büro, wo sie z.B. Personal verwalten oder soziale und ökologische Kahlschläge verzapfen.
Nicht die Hartzis brauchen das BGE (die haben es schon und brauchen nur liebevollere Anerkennung und Freiheit statt Zwang, damit sie überhaupt wieder Ziele und Träume haben können)*, sondern gerade die Arbeitenden, die davon noch nicht befreit sind... und die Forscher, Journalisten, Umweltschützer, Eltern, Pfleger... um ihre Arbeit ehrlich und nicht vampirisch machen zu können!
*BTW: ich bin Hartzi-Aufstocker-Mutter und freiwillig selbstbestimmt Vollzeit-beschäftigt...
Das selbstbestimmte Gestalten und die Freiheit werden durch das BGE gefördert, ebenso aber die echte Arbeits- und Lesitungsbereitschaft, aktiv auf eigene Ziele hinzuarbeiten
Grundsätzlich stimme ich dem Artikel völlig zu - das Geld reicht tatsächlich für alle und ein Bürgergeld, wie von Werner Götz beschrieben, ist mehr als überfällig.
Das der Satz: "Wir können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten - unseren Kindern keine solch gewaltigen Schulden hinterlassen", der jahrelang gepredigt wurde um die neoliberalen Agenda 2010-Reformen (Kürzungen/Enteignungen) durchzuführen niemals eine Legitimation hatte, sondern das ein Staatshaushalt sich eben nicht nach den gleichen Kriterien richtet, die ein Buchhalter in seinem kleinen Kosmos beachten muß und es dabei vor allem nicht darum geht (zumindest nicht in einem Staat der keine AUSLANDSSCHULDEN hat) wieviel Geld man tatsächlich hat, sondern er sich vor allem nach dem POLITISCHEN WILLEN richtet, zeigte die enorme Neuverschuldung samt Bad-Bank bei der Finanzkrise der Banken sehr eindrucksvoll. Da redete keiner mehr von astronomischen Schulden die man ja nicht machen könne weil man der nachfolgenden Generation das nicht mehr zumuten könne. Für die Banken kann man dieses Geld also aufbringen - für Menschen nicht.
Ihre Behauptung ein Arbeitsloser bekäme im Durchschnitt 1000 Euro stimmt bei HartzIV (und um diese Gruppe geht es ja beim Spargelstechen) für einen Alleinstehenden jedenfalls nicht. In Westdeutschland ist der Betrag für den Lebensunterhalt zur Zeit 359 Euro. Miete wird meines Wissens bis etwas über 300 Euro gezahlt. Dazu kommt noch die Krankenversicherung die die Arbeitsagentur bezahlt - vielleicht 150 Euro. Macht bei mir 800 Euro - selbst wenn es etwas mehr sein sollten werden 1000 Euro nicht erreicht. Und wenn der Arbeitslose hinzuverdient wird das mit den Leistungen zum Großteil verreichnet. Selbst bei einer regulären, schlecht bezahlten, Tätigkeit bleiben vielen nach Abzug auch nicht mehr als bei einem 1 Euro-Zusatzjob der dann vielleicht max. 150 - 200 Euro bringt.
Das ist nun wirklich kein Anreiz zum arbeiten. Aber zum arbeiten (wobei das ja - wie sich aus dem Artikel ergibt - ohnehin für einige sinnlos ist und gesamtgesallschaftlich unnötig da es keine Vollbeschäftigung mehr geben kann und wird) getrieben werden die Arbeitslosen ja auch nicht mit Verkockungen sondern mit Strafandrohung (kürzer der Leistung bis auf Null - also dem Hungertod - womit wir dann wieder beim Anfang wären denn den Spruch "Wer arbeitet soll auch nicht essen" scheint Herr Hartz jedenfalls auch verinnerlicht zu haben. Seine Reform funktioniert teilweise tatsächlich nach diesem Prinzip.
Nicht zu vergessen die Parteien, die einen Großteil ihrer Macht über die Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik erhalten. Die politische Ideologie aller Parteien stützt sich in ihrer Macht hauptsächlich auf die Saturierung der jeweiligen Klientel durch finanzielle Besserstellung. Dies wäre mit einem Schlag vom Tisch, womit auf einmal eine wirkliche, inhaltliche Auseinandersetzung mit Sachthemen mehr Gewicht bekäme. Und dies dann auch über Parteigrenzen hinweg.
Je mächtiger aber eine Partei, desto größer auch die Gefahr des Machtverlustes - aber ein BGE lässt sich nur mit Hilfe der Parteien durchsetzen.
Interessant ist in diesem Zusammenhanh, daß es Vertreter des BGE über alle Parteigrenzen hinweg gibt. Dies macht deutlich, daß sich das BGE (nach dem Modell von Götz Werner) zwischen abslolut kapitalistischem Neoliberalismus und totalen Sozialismus bewegt, und damit ideologisch kaum von einer Partei allein vereinnahmt werden kann.
Sicher vom Grundgedanken richtig und alle die hier schreiben, sehen es irgendwie ähnlich.
Nur da gibt es ein paar Millionen, die ohne eigentlich zu arbeiten, jedes Jahr Millionen bekommen. Verdienen kann man es nicht nennen und die sorgen schon dafür, dass so etwas nicht passiert wie Arbeits - Vermögensteilung.
Es gäbe noch viel mehr zu schreiben und zu argumentieren, prinzipiell wird deutlich, dass das größte Hemmnis die Barriere in den Köpfen ist. Uns geht einfach die Arbeit aus und eigentlich ist das hervorragend. Aber das stimmt nur zum Teil, denn Arbeit wird es immer genug geben. Eben in der Kunst, dem Ehrenamt, der Pflege, der Hausarbeit, der Erziehung, usw. gibt es einen immer eklatanter werdenden Mangel. Das bedeutet, lasst die Maschinen die unbequeme (industrielle und eintönige) Arbeit machen, verteilt den geschaffenen Wohlstand gleichmäßig und von der freien Zeit kann freiwillig und aus Freude am Arbeiten in den oben genannten Bereichen Zeit investiert werden.
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