Russland vor der Wahl Putin als Seife, Putin als Burger, Putin als Superheld

Held und Bewunderer in der äußerst erfolgreichen Moskauer Ausstellung "Superputin".

(Foto: Yuri Kadobnov/AFP)

Der russische Präsident ist Zentrum eines vermeintlich kritischen Personenkults. Die Ironie darin schadet seiner Herrschaft aber nicht - sie macht ihn unangreifbar.

Von Julian Hans, Moskau

Wer behauptet, die Menschen in Russland hätten keine Wahl? Sie können wählen, ob sie ihren Putin mit dem Duft Schwarzer Johannisbeere möchten, mit Erdbeere oder Banane. Oder vielleicht mit Shea Butter gegen Cellulitis? Eine junge Frau aus Nowosibirsk soll sich einem russischen Sender zufolge den neuesten Schrei auf dem Markt der Putin-Devotionalien ausgedacht haben, übersetzt: der Andachts-Gegenstände. Sie presst Seife für jeden Geschmack in Form einer Büste des russischen Präsidenten. 500 Rubel, umgerechnet sieben Euro das Stück. Nicht billig, aber ein schönes Geschenk für Freunde, die schon alles haben: Die Putin-Tasse, den Putin Wandkalender, den Putin-Badeanzug, die goldene iPhone-Hülle mit Putin-Porträt. Die Putin-Kettlebell, eine Büste aus schwerem Eisen mit Griff, geeignet für ein schweißtreibendes Hantel-Training. Und am Arbeitsplatz natürlich Maus-Pad und Bildschirmhintergrund WWP - Wladimir Wladimirowitsch Putin.

Ist natürlich alles ein Scherz, ist alles nicht so gemeint. Ein bisschen Spaß muss sein. Im Januar ging im hippen Moskauer Design-Zentrum Artplay wieder eine Ausstellung zu Ende, die nur einen Gegenstand hatte: Wladimir Putin. Mit Büsten in den Nationalfarben und Ölgemälden im Pop Art Stil: Putin streichelt einen Welpen, Putin legt einen Judo-Gegner aufs Kreuz, Putin versohlt dem Schuljungen Barack Obama den Hintern, Putin hält ein Porträt in der Hand, darauf - Wladimir Putin. Die Werke gäben die Einstellung der Menschen zum Führer der Nation wieder, erklärten die Kuratoren. Und, ganz wichtig, das sei natürlich ironisch gemeint!

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Man sollte vermuten, dass zwischen der Kritik an einem autoritären Führer und seiner Verherrlichung ein gewaltiger Unterschied liegt. Immerhin kann er für den einzelnen Bürger (oder Untertan) im Extremfall den Unterschied zwischen Gefängnis oder Karriere bedeuten. Aber die Ironie schafft etwas Erstaunliches: Beide Extreme fallen zusammen und der Beobachter kann zwischen Kult und Kritik nicht mehr unterscheiden.

Das Staatsfernsehen berichtet von einem New Yorker "Putin-Burger" - den es selbst bestellt hatte

Schon vor Jahren hatte Putin über seinen Sprecher verbreiten lassen, er missbillige den Kult und die Geschäfte mit seinem Namen. Nur hat der Kult über die Jahre stetig zugenommen. Und die vom Kreml gelenkten Medien heizen ihn nach Kräften an, notfalls dichten sie auch etwas dazu. Als Putin im vergangenen Oktober 65 wurde, berichtete das Staatsfernsehen, ein New Yorker Restaurant habe ihm zu Ehren eigens einen "Putin Burger" kreiert. Ein Kilo und 952 Gramm schwer, weil 1952 Putins Geburtsjahr ist. Nur stellte sich bald heraus, dass die Reporter einen Kellner bezahlt hatten und die Szene gestellt war. Es gab nur einen Putin Burger, nämlich den, der für die russischen Fernsehzuschauer gebraten wurde.

In immer neuen Auflagen heben Polit-Manager für den Kreml Jugendbewegungen aus der Taufe, die angeblich vor allem eines eint: Ihre Begeisterung für ihr Heimatland und den Präsidenten. Erst gab es "Die gemeinsam Gehenden", dann die Bewegung "Naschi" (die "Unsrigen"), vor zwei Jahren dann "Set'", das "Netz", maßgeschneidert für die Generation Facebook. Unter dem Dach von Set' konnten die jungen Leute ihre Kreativität ausleben, etwa als Designer der Marke "Putinversteher", deren Ring mit dem Antlitz Putins es in praktisch alle deutsche Medien schaffte.

Als der Schriftsteller John Steinbeck 1948 mit dem Fotografen Robert Capa durch die Sowjetunion reiste, erzählten die Menschen ihnen, Stalin selbst gefiele es gar nicht, dass seine Porträts an allen Fassaden hingen, viele Stockwerke hoch. Dass er sogar darum gebeten habe, sie abzuhängen. "Uns schien", schreibt Steinbeck, "dass Stalins Missfallen für alles andere sofort dazu führte, dass es verschwand. Aber hier war es umgekehrt".

Hätte damals jemand eine Actionfigur mit Stalin auf einem Bären reitend oder eine Seife mit seinem Gesicht in Umlauf gebracht, er hätte den Rest seines Lebens im Lager verbracht. In der Postmoderne kann es zwar keine totalitären Systeme alter Form mehr geben. Es fehlt die Ideologie mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Der postmoderne Personenkult Putinscher Prägung lässt sich aber auch nicht mehr so leicht angreifen, weil er selbstironisch auftritt und seine Verneinung schon in sich trägt. Wer jubelt, bei dem ist sowieso alles klar. Wer den Kult kritisiert, riskiert, als humorfreier Nörgler zu gelten. So bleibt nur das Schweigen, wenn man nicht Teil der Sache werden will. Und schweigende Bürger (oder Untertanen) sind in unfreien Gesellschaften gern gesehen.

Ironie ist kein sympathisches Beiwerk, sie ist das Wesensmerkmal dieses Führerkults in der postmodernen Autokratie. Ironie macht ihn anschlussfähig für alle, sogar für jene, die einen autoritären Staat eigentlich ablehnen. Im Westen waren es nach 1968 marxistische Sektierer, die aus ideologischen Gründen nur das Gute in Mao & Co sehen wollten. Erst später wurde Che Guevara zu einem T-Shirt-Motiv für jedermann. Heute ziehen sich Russland-Touristen als Last Minute Souvenir am Flughafen noch ein Putin-T-Shirt aus dem Automaten. Und für die Kollektionen des Designers Gosha Rubchinskiy, der sich aus dem Setzkasten der patriotischen Symbolik seines Heimatlandes bedient, zahlen ideologiefreie Hipster im Westen viel Geld.