Residenztheater Wir sind alle Philipp Lahm

Genervt von der eigenen Zufriedenheit: Gunther Eckes spielt Philipp Lahm im gleichnamigen Theaterstück im Marstall im Residenztheater in München.

(Foto: dpa)

Kein Promi, nicht einmal ein Fußballwitz. Das Theaterstück "Philipp Lahm" enttäuscht Fans und Sportreporter. Und das ist sehr gut: Denn wer in sich hineinschaut, entdeckt den Protagonisten in sich selbst.

Von Christiane Lutz

Angenommen, es gäbe ein Theaterstück über Philipp Lahm und Philipp Lahm käme darin nicht vor. Er spielte nicht auf der Bühne und säße nicht im Zuschauerraum. Nicht mal ein Fußballwitz würde gemacht. Aber es stünde ganz eindeutig "Philipp Lahm" auf der Theaterkarte und irgendwie hätte man sich davon ja wenigstens ein bisschen Philipp Lahm erhofft.

Im Marstall des Münchner Residenztheater ist genau das passiert. Am Samstag wurde das Theaterstück "Philipp Lahm" von Michel Decar in der Regie von Robert Gerloff uraufgeführt - ohne jeglichen Philipp Lahm. Dabei fängt der Abend eigentlich sehr fußballerisch an: Stadiongesänge aus dem Off begleiten eine Videoprojektion, auf der ein Mann die Arme in die Hüften stemmt wie in einem dieser Werbespots für Sportschuhe. Dann tritt Schauspieler Gunther Eckes auf, in Ringelstrümpfe zu einem Jacket, das an den Stellen sehr dick gepolstert ist wo manche Muskeln haben. In einem Ikea-Zimmer (Bühne: Maximilian Lindner) geht er nun seinem Alltag nach. Das bedeutet nicht etwa Abhängen mit Arturo Vidal, sondern: Fingernägelschneiden, Tagesschau schauen, Tagesthemen schauen, Zwergkaninchen streicheln. Die Figur namens Philipp Lahm sagt Sätze wie "Ich versuch, positiv zu bleiben und das Beste aus meinem Leben zu machen", oder: "Ein Halbfinale zu verlieren ist nie schön. Aber es geht dann wieder aufwärts."

Das sind Sätze, wie sie der echte Philipp Lahm in einem dieser verschwitzten Interviews kurz nach Abpfiff durchaus gesagt haben könnte. Schließlich galt er während seiner Karriere als absoluter Vollprofi. Stets höflich, meist diplomatisch - auf dem Platz und daneben. Und noch heute, wo er Stiftungen gründet und Unternehmern die Hand schüttelt: kein Ausrutscher, kein falsches Wort.

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Auf dieser polierten Oberfläche also tanzt Gunther Eckes elegant hinweg, stets in Augenkontakt mit dem Publikum, mangels alternativer Anspielpartner. Er wechselt zwischen Ikea-Zimmer, einem Green-Screen und der Mixed-Zone, in die Fußballspieler nach dem Spiel gezerrt werden und dusslige Fragen beantworten müssen. Er fühlt sich sichtlich wohl in seiner Haut und in seiner langjährigen Beziehung. Von Szene zu Szene wird er - so lautet eine Regieanweisung - zufriedener und zufriedener. So derart zufrieden zwar, dass er selbst immer mehr davon genervt scheint, doch der große Ausbruch findet nur auf der Videoprojektion statt, wo ein Bagger das Zimmer leise zerstört. Großes Finale mit Dinosaurier-Puzzle - und Schluss.

Das Schöne an diesem Abend ist, dass sämtliche Hoffnungen einfach unerfüllt bleiben. Die Hoffnung des Sportreporters auf einen Fußballwitz, die des FC-Bayern-Fans, dass Philipp Lahm vielleicht doch auftaucht und die Hoffnung des herkömmlichen Theaterzuschauers, Abgründe mögen sich bitte auftun. Denn so bleibt einem gar nichts übrig, als in sich selbst hineinzuschauen und festzustellen: Philipp Lahm, das bin ja ich. Philipp Lahm ist deutscher Alltag 2017. Das Leben hat nun mal nicht jeden Tag 250 Stundenkilometer auf der Autobahn parat, sondern manchmal nur eine Tafel Nussschokolade. Es ist nicht immer Berlin, es ist meistens Kassel-Wilhelmshöhe. Und das ist nicht schlimm. Im Gegenteil.

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