Obama trifft Lieblingsautorin Mut als Maßstab

Barack Obama mit Marilynne Robinson in der Staatsbibliothek von Iowa in Des Moines. Die Schriftstellerin wurde 1943 in Idaho geboren und lebt in Iowa City. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt der Roman "Lila" (2015).

(Foto: picture alliance / AP Photo)
  • US-Präsident Barack Obama hat sich den Wunsch erfüllt, seine Lieblingsautorin Marilynne Robinson persönlich in Des Moines im US-Bundesstaat Iowa zu besuchen.
  • Der Präsident ist an Robinsons christlich inspirierter Humanität interessiert, die nicht nur eine ästhetische Kraft ist, sondern auch eine politische.
Von Johann Hinrich Claussen

Manchmal möchte sich ein Staatsoberhaupt auch etwas Gutes tun, für einen Moment Abstand zu all den Weltkrisen gewinnen, um sich zum Beispiel mit einem interessanten Menschen zu unterhalten - einfach so.

Wenige Regierungschefs haben die Souveränität, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Zumindest Barack Obama hat es gerade getan. Am 14. September stieg er in das Präsidentenflugzeug Air Force One und flog nach Des Moines in Iowa: "Eine Sache, zu der ich nie die Gelegenheit bekomme, sie so oft zu tun, wie ich es möchte, ist eine Unterhaltung mit jemandem zu führen, den ich genieße und an dem ich interessiert bin."

Seine Wahl fiel auf Marilynne Robinson. In Deutschland ist sie kaum bekannt. Im Sommer erschien die Übersetzung ihres Romans "Lila", die gute Kritiken erhielt. Aber noch hat Robinson hierzulande wenige Leser. Dass Obama ausgerechnet sie für ein Auszeit-Gespräch ausgesucht hat, zeigt seinen literarischen Geschmack und seinen Sinn für eine Kunst, die gesellschaftlich von Belang ist.

Wiederbelebung einer literarischen Gattung

Ihr Gespräch wurde nun vom New York Review of Books dokumentiert. Betrachtet man die wenigen Fotos dieser Begegnung, denkt man zunächst: Was für ein seltsames Paar! Hier der mächtigste Mann der Welt, der immer noch eine coole Erscheinung abgibt, und dort die Schriftstellerin, die mit ihren langen, grauen Haaren und in ihrem langen, dunklen Wollkleid eher wie eine Pastorin aussieht. Doch sollte man sich nicht täuschen lassen. Beide verbindet viel.

Robinson ist eine avancierte Schriftstellerin, aber mit einer christlichen Orientierung. Ihr ist das seltene Kunststück geglückt, die untergegangene Gattung des Pastorenromans wiederzubeleben mit "Lila" oder mit "Gilead". Letzteres las Obama auf seiner ersten, endlosen Wahlkampftour im Bus. Robinson beweist, dass ein aufgeklärter Calvinismus immer noch ein gutes Stilprinzip sein kann.

Sie schreibt stille Romane über unspektakuläre Menschen und ihre abgründigen Lebensgeschichten. Sie lotet diese Existenzen aus, bezeugt ihre Traurigkeit, schenkt aber auch eine Ahnung ihrer Schönheit - einer Schönheit, für die die Welt keine Augen hat.

Diese christlich inspirierte Humanität ist aber nicht nur eine ästhetische Kraft, sondern auch eine politische. An beidem ist Obama interessiert. So fragt er: "Sie sind eine Romanautorin, aber Sie sind auch - kann ich sagen: eine Theologin? Oder klingt dies irgendwie zu muffig? Also erzählen Sie mir ein wenig über Ihr Interesse am Christentum und wie es zusammenhängt mit Ihrer Sorge um die Demokratie."

Eine Gesellschaft zwischen Offenheit und Angst

Diese Frage hat Robinson in großartigen Essays verhandelt. Der jüngste von ihnen trägt den Titel "Fear". Darin legt Robinson einen Grundwiderspruch der Vereinigten Staaten offen: Einerseits soll es eine christliche Nation sein, andererseits ist es eine Angstgesellschaft.

Christen sind zur Furchtlosigkeit berufen. Doch ein mächtiger Konservatismus der Furcht behauptet von sich, im Namen des Christentums gegen alles Fremde kämpfen zu müssen. Indem Robinson diesen Widerspruch benennt, entlarvt sie das Hauptmotiv in der scheinbar christlichen Argumentation der Konservativen als Furcht. Und diese ist nicht nur unchristlich, sondern auch gefährlich, weil sie Amerika vergiftet.

Dem stellt Robinson als Gegenbild den klassischen Calvinismus gegenüber und erinnert an einen Aspekt, der in Deutschland kaum bekannt ist: der Protestantismus ist eine Flüchtlingskonfession. Doch obwohl sie allen Grund dafür gehabt hätten, waren die Calvinisten ohne Furcht, anders als ihre Verfolger: "Diese Unterdrücker waren getrieben von der Furcht vor uns. Wir waren Ketzer in ihrem Verständnis, und deshalb eine Bedrohung der Kirche, der christlichen Kultur, für jede Seele, die unter unseren Einfluss kam."

Man staunt, wie ungebrochen Robinson diese Geschichte als ihre eigene versteht. Und man ist überrascht, zu welchen Assoziationen sie dies führt: "Wir besetzten mehr oder weniger den Platz in der europäischer Einwanderung, den der Islam heute besetzt."

Die Islamophobie von heute erscheint so als Wiedergängerin der Calvinophobie des 16. und 17. Jahrhunderts: als Angst vor der unkontrollierten Einwanderung fremdreligiöser Fanatiker, die geschlossene Parallelgesellschaften bilden und die kulturelle Identität der Heimat zerstören. Dieser phobischen Tradition setzt Robinson die Furchtlosigkeit der calvinistischen Flüchtlinge entgegen. Wer ohne Furcht ist, kann anderen offen und tolerant begegnen.