NS-Kriegsverbrecher Walter Rauff Vom Gas-Mörder zum mittelständischen Unternehmer

Walter Rauff ist der Erfinder der mobilen Vergasungswagen, in denen die Nazis schon vor dem Bau der Konzentrationslager Tausende Juden ermordeten. Nach dem Krieg wurde er als freier Mitarbeiter vom BND angeworben und von ihm Zeit seines Lebens protegiert - trotz seiner Verbrechen, von denen der Nachrichtendienst auch noch wusste.

Von Willi Winkler

Gegen Ende seines Lebens war er so berühmt, dass ihn Reisende wie ein Wundertier anschauen kamen. 1975 bestaunte der britische Schriftsteller Bruce Chatwin den Geschäftsmann, der sich am äußersten Ende der bewohnten Welt niedergelassen hatte, aber von den Wäldern daheim träumte und deren fröhlichen Lieder summte. Als Fischverwerter hatte er es in Punta Arenas, der südlichsten Stadt Chiles, zu bescheidenem Wohlstand gebracht. "Überall um ihn herum sind scharlachrote Krebse, die erst zappeln und dann dampfen. Er hört, wie ihre Schalen aufplatzen und die Zangen zerbrechen, sieht, wie das süße Fleisch in Aluminiumdosen fest verpackt wird."

Chatwin kann gar nicht anders, als an die "früheren Erfahrungen im Produktionsprozess" zu denken, die der Unternehmer doch gewiss gemacht hat. Gut dreißig Jahre vorher hatte der Mann schon einmal sehr erfolgreich gewirkt. Mit nur drei eingesetzten Wagen, so lautet der stolze Aktenvermerk, seien "97.000 verarbeitet" worden, "ohne", und das scheint unserem Technokraten besonders wichtig zu sein, "ohne daß Mängel an den Fahrzeugen auftraten".

Im Gefolge Rommels durch Nordafrika

Walter Rauff, der 1984 im gesegneten Alter von 77 Jahren einem Krebsleiden erlag, gilt als Erfinder der mobilen Vergasungswagen, und die 97.000, die er so rationell zu "verarbeiten" verstand, das waren Juden. Rauff war von der Ausbildung her ein Marineoffizier, er wurde Kapitän, aber wegen einer Frauensache entlassen. Die SS und das Reichssicherheitshauptquartier nahmen sich seiner an. So kam er noch weiter in der Welt herum, half Polen erobern und Russland und feierte Triumphe in Nordafrika. Im Gefolge des gern als Widerstandsheld gefeierten "Wüstenfuchses" Erwin Rommel zog auch der SS-Standartenführer Rauff mit und bereitete sich darauf vor, mit seiner technischen Fertigkeit nun auch noch die Juden in Palästina zu ermorden.

Nach dem Krieg entkam er aus Italien, wo er sich bei der Partisanenbekämpfung noch letzte Lorbeeren erworben hatte, nach Syrien, wo er einem weiteren Gewaltherrscher mit seiner Expertise dienen konnte. Nach einem Militärputsch wanderte er schließlich über Italien (und vermutlich mit Hilfe der alleinseligmachenden Kirche) nach Südamerika aus, wo er sich als Geschäftsmann niederließ.

Seit dem gestrigen Sonntag ist ein weiteres Kapitel in der arbeitsreichen Lebensgeschichte Rauffs bekannt. Im Jahr 1958 wurde er nämlich als z-Agent, als freier Mitarbeiter, für den Bundesnachrichtendienst (BND) angeworben, der ihn unter der bürokratischen Tarnbezeichnung V-7410 und mit dem spanischen Decknamen "Enrico Gomez" führte und ihm eine monatliche Pauschale von 2000 Mark zahlte. Ganz neu ist die Enthüllung allerdings nicht; Jens Banach berichtete von Rauffs BND-Zuarbeit bereits 1996 in seiner Hamburger Dissertation über "Heydrichs Elite" und wusste auch schon, dass Rauff bereits 1962 wieder abgeschaltet worden war.

Neu ist, dass der BND derartig peinliche Unterlagen weitgehend ungeschwärzt freigibt. Neu, wenn auch nicht überraschend ist der Name des Mannes, der Rauff anwarb. Es handelt sich um den SS-Kameraden Wilhelm Beissner, Tarnname "Bertram", der seine eigenen Erfahrungen mit der Ausrottung von "Reichsfeinden" gemacht hatte, inzwischen als Waffenhändler tätig war und unter anderem die algerische Befreiungsbewegung FLN mit Material belieferte.

BND half bei Anwaltskosten

Agent V-7410 sollte den Aktionsradius des BND erweitern helfen, seine landeskundlichen Kenntnisse zum Besten der noch jungen Bundesrepublik einsetzen und Wichtiges oder auch nur Verdächtiges nach München melden. Der BND versorgte seinen Agenten tapfer mit dem notwendigen technischen Gerät. Um ihn auf den neuesten Stand zu bringen, wurde er wenigstens zwei Mal zur Fortbildung nach Deutschland geholt. Als ihm wegen seiner Vorgeschichte doch Konsequenzen drohten, half der BND auch noch ein wenig bei den Anwaltskosten.

Beim BND, heißt es in einem Vermerk von 1984, "wusste man von Anfang an, mit wem man es zu tun hatte, da RAUFF aus seiner Vergangenheit nirgends ein Hehl machte". Das ehrgeizigste Unternehmen, eine Reise nach Kuba, wo Rauff ein halbes Jahr vor der dann peinlich gescheiterten CIA-Invasion in der Schweinebucht recherchieren sollte, wie weit sich Fidel Castro schon vom Westen entfernt hatte, misslang allerdings; Rauff erhielt so wenig ein Visum wie Enrico Gomez. Weil seine Erkenntnisse dann doch zu bescheiden waren, wurde dem freien Mitarbeiter erst die Pauschale gekürzt, dann ganz gestrichen.

"Barbarossa" in Bildern

mehr...