Norwegen stellt Bücher kostenlos ins Netz Ein zweites Leben für Schmöker

Buch auf dem Bildschirm: Die Nationalbiblothek in Oslo hat ein Modell entwickelt, durch das Schriftsteller vom Internet profitieren.

Viele Bücher geraten in Vergessenheit, nachdem sie veröffentlicht wurden. Nun bekommen sie in Norwegen eine zweite Chance, denn die Nationalbibliothek des Landes stellt Lesern nun zigtausend Werke kostenfrei im Internet zur Verfügung. In andere Länder lässt sich das Modell allerdings nicht ohne weiteres übertragen.

Krimis von Jo Nesbö, Romane von Nobelpreisträger Knut Hamsun, Gruseliges von Stephen King: All das können Norweger bald kostenlos im Internet lesen. Unter bokhylla.no (norwegisch für Bücherregal) bietet die Nationalbibliothek bereits rund 135.000 Titel an, 250.000 sollen es einmal werden.

Autoren und Verlage werden über einen Dachverband für die Digitalisierung der Werke bezahlt. Es handele sich um das erste Angebot, bei dem online urheberrechtlich geschützte Bücher kostenlos verfügbar gemacht werden, sagt die Chefin der Nationalbibliothek, Vigdis Moe Skarstein.

Veröffentlicht werden Werke, die vor dem Jahr 2001 erschienen sind. Dabei gilt in Norwegen wie in Deutschland, dass der Urheberrechtsschutz erst 70 Jahre nach dem Tod eines Autors endet.

Dass nun trotzdem viele Schriften von einheimischen Autoren und übersetzte Werke aus aller Welt im digitalen Bücherregal stehen, wurde durch eine Vereinbarung der Nationalbibliothek mit dem Verband Kopinor ermöglicht. Diese Dachorganisation vertritt über 22 Mitgliedsverbände die Interessen von Autoren und Verlagen.

Für jede digitalisierte Seite - egal, ob aus einem Bestseller-Roman oder einem kaum gelesenen Buch - zahlt die Bibliothek an Kopinor eine festgelegte Summe. Im vergangenen Jahr waren es zunächst 0,36 Kronen (rund 4,3 Cent), bis zum kommenden Jahr sinkt die Summe auf 0,33 Kronen (rund 3,9 Cent).

Buchverkäufe nicht beeinträchtigt

Kopinor verteilt das Geld später an Verlage und Autoren - der Schlüssel dafür wurde allerdings noch nicht festgelegt. Wer seine Werke nicht kostenlos im Netz sehen will, kann eine Löschung verlangen. Dies ist bislang jedoch nur rund 3500 Mal passiert.

Die meisten Werke, die wieder entfernt wurden, waren nicht etwa berühmte Bestseller, sondern Kinder- und Schulbücher, mit denen Verlage vergleichsweise viel Geld verdienen können.

Die Buchverkäufe in Norwegen scheinen von dem neuen Angebot bislang nicht beeinträchtigt. Bibliothekschefin Moe Skarstein ist überzeugt, dass ihre Datenbank insbesondere Büchern, die nicht mehr erhältlich sind, ein "zweites Leben" schenken kann. Bücher würden mehr und mehr "vergängliche Güter", sagt sie. "Wenn der Reiz des Neuen verfliegt, geraten sie in Vergessenheit."

85 Prozent der bislang digital veröffentlichten Bücher wurden bereits von Nutzern angeschaut - deren Interesse gilt also nicht nur den Bestsellern. Auf ihren Rechner herunterladen können die Benutzer die Bücher allerdings nicht. Außerdem ist die Datenbank nur für Internetnutzer in Norwegen und für im Ausland ansässige Forscher zugänglich.

Ob das Modell auch für andere Länder funktionieren könnte, ist fraglich. In Norwegen hatte das Projekt den Vorteil, dass die Zahl der Rechteinhaber überschaubar ist. "In anderen Ländern müsste zunächst eine Übereinkunft unter all denjenigen erreicht werden, die Urheberrechte besitzen", sagt Kopinor-Chef Yngve Slettholm. Es sei aber schwer, alle Betroffenen überhaupt ausfindig zu machen. Somit bleibt das digitale Bücherregal vorerst wohl eine norwegische Spezialität.