Neues Buch von Helmut Schmidt Der alte König

Ist das nicht erbaulich? Helmut Schmidt widmet sich in seinem aktuellen Bestseller der Religion und wird zum Seelentröster einer Nation - ohne dass Weihrauchgeruch aufkommt. Dazu passt sein unheiligmäßiges Rauchen.

Von Johann Hinrich Claussen

Bücher trösten immer noch. Es ist ein Missverständnis zu glauben, Bücher seien entweder - als Unterhaltungsliteratur - zur Entspannung oder - als Fachbuch und Niveauliteratur - zur Schärfung des Verstandes und Geschmacks da. Sehr viele Bücher werden gekauft und gelesen, weil sie Trost spenden. Das beweisen die Veröffentlichungen von Margot Käßmann, die regelmäßig Spitzenplätze der Spiegel-Bestsellerliste besetzen, oder von Anselm Grün, dessen Verkaufszahlen sich schon jenseits aller Listen bewegen.

Natürlich hat Erbauungsliteratur einen schlechten Ruf. Man verbindet mit ihr Pastorenkitsch und eine schleimig-klerikale Methode, für die Seele dadurch zu sorgen, dass man das kritische Denken abstellt.

Dabei vergisst man, dass Erbauung in der deutschen Literatur eine ehrwürdige Tradition besitzt. Man denke nur an die Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel. Doch auch heute noch gibt es Bücher, die Trost spenden und ethisch orientieren, ohne dabei an literarischem Niveau einzubüßen: zum Beispiel David Gilmours Roman über die Adoleszenzwirren seines Sohnes ("Unser allerbestes Jahr") oder Arno Geigers Erzählung über seinen demenzkranken Vater ("Der alte König in seinem Exil"). Wer sie liest, fühlt sich - als pubertätsgeschüttelter Vater oder als in der Pflege überforderter Sohn - weniger allein und neu bestärkt.

Lange schon konnte man die Vermutung haben, dass auch die Bücher von Helmut Schmidt in diese Kategorie fallen. Wie sonst ließe sich ihr Verkaufserfolg erklären? Von seiner Bilanz "Außer Dienst" wurden im Hardcover mehr als 600.000 Exemplare und von den Zigarettengesprächen mit Giovanni di Lorenzo immerhin 420.000 Stück verkauft. "Geschnitten Brot" ist gar kein Ausdruck.

Eine einfache Erklärung ist, dass es sich bei den Büchern des Altbundeskanzlers eben um gut gemachte Sachbücher handelt, die einem breiten Publikum komplizierte politische und ökonomische Zusammenhänge allgemeinverständlich erläutern, wobei ein besonderer Reiz darin besteht, dass der Autor an vielen historischen Ereignissen selbst beteiligt war und eine große Anzahl ihrer Protagonisten persönlich kannte. Ein zweiter Grund besteht darin, dass Schmidt-Bücher ideale Geschenke sind, denn sie sind hochwertig, interessant, aber nicht kontrovers.

Doch reicht das, um zu erklären, warum jedes Schmidt-Buch ein Bestseller wird? Oder hat man es hier nicht mit einem Ritual zu tun, das religionsphänomenologisch zu deuten wäre? Eine solche Betrachtung dürfte Helmut Schmidt selbst fremd sein, aber es geht ja nicht um seine Person, sondern um das öffentliche Bild, das sich eine treue Lesergemeinde von ihm macht.

Aktuellen Anlass bietet die neueste Veröffentlichung von Schmidt, die sich direkt der Religion widmet. "Die Religion in der Verantwortung" lautet der Titel einer Sammlung von Reden und Aufsätzen, die (muss man das noch sagen?) sofort die Spitze der Spiegel-Bestsellerliste erklommen hat (Helmut Schmidt: Religion in der Verantwortung. Gefährdungen des Friedens im Zeitalter der Globalisierung. Propyläen Verlag, Berlin 2011. 256 Seiten, 19,99 Euro).

Nicht wenige von Schmidts Lesern dürften seine Bücher zumindest religionsähnlich rezipieren. Denn diese Bücher halten einen eigentümlichen Trost bereit. Die globalisierte Moderne ist von ungeheuerlicher Komplexität.

Da ist es gut, wenn zumindest einer die Wirren der Welt durchschaut, historisch herleitet und strukturell analysiert. Die Leute laufen eben nicht nur Heilspropheten hinterher, die "Friede, Friede" rufen, wo doch kein Friede ist, sondern sie sind auch bereit, einem skeptischen Weisen zuzuhören, wenn dieser ihnen den Eindruck vermittelt, es gäbe noch so etwas wie Überblick.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum Helmut Schmidt menschliche Sehnsüchte stillt.

Roter Kanzler in Schwarzweiß

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