Nacktaktionen der Femen Nacktes Fleisch für jeden Zweck

Femen Aktivistinnen bereiten sich nach Putins Sieg bei den Präsidentschaftswahlen 2012 auf eine Aktion vor. 

(Foto: Reuters)

Früher war pubertäres Gebaren ein Privileg der Männer. Jetzt gibt es Femenfrauen, die sich ausziehen, um es allen zu zeigen. Das bringt zwar ein neues Rollenbild ins Spiel, doch die Aktivistinnen geben keine neuen Impulse. Die westliche Öffentlichkeit konsumiert nur achselzuckend einige Oben-Ohne-Bilder mehr.

Von Kia Vahland

Eine nackte Brust kann alles Mögliche bedeuten. Im spätmittelalterlichen Madonnenbild zeigt sie mütterliche Fürsorge an; wenn dagegen die Sängerin Madonna auf einem Konzert in Istanbul den Busen entblößt, mag es ihr um die rigide Abtreibungspolitik der Türkei gehen. Auf Eugène Delacroix' französischem Revolutionsgemälde von 1830 emanzipiert eine kaum Bekleidete als Allegorie der Freiheit gleich das ganze Volk von der Knechtschaft eines überholten Systems.

Als sich dagegen einige Engländerinnen im Falklandkrieg für die britischen Soldaten die Blusen aufrissen, war das als imperialer Siegesgestus gemeint. Und natürlich gibt es noch all die blanken Busen der Jetztzeit, die von Hochglanzmagazinen bis Autos irgendetwas Körperfremdes verkaufen sollen.

Nackte weibliche Oberkörper sind also längst Teil der visuellen Kultur zumindest des Westens; die Idee, sie für anderes als Liebesspiele und Babynahrung einzusetzen, ist nicht neu. Wie sind die Aktionen von Femen zu verstehen, jener Organisation aus der Ukraine, deren Mitglieder sich mit dem Slogan "Go topless and win" vor Staatschefs und Moscheen, in Kirchen und bei Schönheitswettbewerben entkleiden, aus Protest gegen Sexismus, Diktaturen, oder, recht diffus, religiöse Übermacht?

Bekleidete Frauen haben den #aufschrei geschaffen

Gerade wurden eine junge Deutsche und zwei Französinnen in Tunesien zu vier Monaten Haft verurteilt, weil sie für die Freilassung einer Mitstreiterin die Wäsche abwarfen. Angela Merkel hatte sich beim tunesischen Staatschef für die Bergedorferin eingesetzt, während in Sichtweite des Kanzleramts Femenfrauen halbnackt demonstrierten. Zuvor war Merkel im April in Begleitung von Putin mit bemalten Brüsten konfrontiert worden.

Medial funktioniert das bestens, sogar die Bild-Zeitung führte ein einfühlsames Interview mit einer Aktionistin darüber, wie es sich anfühlt, in der Kälte von den Sicherheitskräften vor dem Kanzleramt abgeführt zu werden. Wer solche Beschützer hat, der braucht keine Feinde mehr, er oder vielmehr sie ist angekommen im visuellen Mainstream des Westens, und liefert nolens volens, was die Maschine will: nacktes Fleisch, gleichgültig, zu welchem Zweck.

Eine befreiende Provokation, die Diskussionen anregt? Nicht wirklich. Zu gewohnt wirkt das Heer der Akte an jeder Litfaßsäule, diese bedürfnisfreien weiblichen Wesen, die nicht einmal im tiefsten Winter zu frieren scheinen. In U-Bahnen, auf Partys und in Büros eine gesellschaftliche Debatte anzuzetteln, das haben statt Femen bekleidete junge Frauen erreicht, die zu Beginn des Jahres unter dem Stichwort #aufschrei im Kurznachrichtendienst Twitter Berichte von sexistischen Übergriffen sammelten.