"Müll im Garten Eden" von Fatih Akin im Kino Warum liegt hier eigentlich Müll?

Blubbernden Deponiekloake: Szene aus dem Dokumentarfilm "Müll im Garten Eden" von Fatih Akin.

(Foto: dapd)

Aus Verzauberung wird Ernüchterung und schließlich Zorn: In "Müll im Garten Eden" versucht sich Fatih Akin als Doku-Aktivist. Eigentlich wollte er die Dokumentation nur androhen, um damit den Bau einer Mülldeponie in einem Dorf im Nordosten der Türkei aufzuhalten. Doch die Arbeiten wurden nicht gestoppt - und Akin drehte weiter.

Von Rainer Gansera

Die Mülldeponie stinkt zum Himmel. Metaphorisch und de facto. Man sieht es den betroffenen Dorfbewohnern an, man erahnt den Gestank aus den Nahaufnahmen der blubbernden Deponiekloake, die in der Regenzeit überschwappt, das Grundwasser vergiftet, anliegende Teeplantagen ruiniert. Der Geruchsfilm ist noch nicht erfunden, aber in Fatih Akins Langzeitdokumentation gibt es Passagen, in denen man sich unwillkürlich an die Nase greift und glaubt, Gerüche imaginieren zu können. Etwa an der Stelle, die bezeichnend ist für den bizarren Dilettantismus der Deponiebetreiber: Zur Bekämpfung des Gestanks installieren sie Düsen, die parfümiertes Wasser versprühen.

Die Entstehungsgeschichte des Films ist spannend und geruchsneutral. Sie beginnt 2005, dem Jahr, in dem Fatih Akin der Cannes-Jury angehört. Nach seinem überragenden Erfolg mit "Gegen die Wand" sucht er nach Story und Drehorten für den zweiten Teil seiner "Liebe, Tod und Teufel"-Trilogie. In einer Bob-Dylan-Biografie liest er, dass Dylans Großmutter derselben Gegend im Nordosten der Türkei entstammt wie seine Großeltern väterlicherseits.

Er besucht mit seinem Vater Çamburnu, das Heimatdorf der Großeltern, ist überwältigt von der paradiesischen Schönheit der Gegend und erfährt zugleich, dass hier, von höchster staatlicher Stelle verordnet, eine Mülldeponie errichtet werden soll. Protest hat sich formiert und Akin will ihn, sein Renommee als international gefeierter deutsch-türkischer Filmemacher in die Waagschale werfend, unterstützen.

In den ersten Bildern von "Müll im Garten Eden" verdichtet er den Gang seiner Erfahrungen: Verzauberung - Ernüchterung - Zorn. Bunte Fischerboote am Schwarzen Meer, dahinter sanfte Hügel mit Teeplantagen, eine "Hobbit-Landschaft" (Akin). Dann der Schwenk zu dem Ort, an dem die Deponie errichtet werden soll, deren Pläne schon eklatante Sicherheitsmängel offenbaren. Archivaufnahmen früher Protestaktionen. 2005 glaubt Akin noch, dass sein Engagement den Bau der Deponie verhindern könnte: "Die naive Idee war: Ich drohe an, einen Film zu drehen und erreiche schon durch diese Drohgebärde, dass der Bau gestoppt wird! Wir haben gedreht und gedreht und die Mülldeponie wurde einfach weitergebaut. Also musste auch ich weitermachen!"