Literaturnobelpreis Held, Dichter, Leitfossil

Bob Dylan ist Literaturnobelpreisträger. Sein Sieg ist ein Sieg aller, die sich gegen Autoritäten auflehnen.

(Foto: dpa)

Der Barde der 68er ist ein würdiger Literaturnobelpreisträger. Aber seine Auszeichnung ist mehr: Sie ist ein Appell, sich nicht wieder hohl dröhnenden, starken Männern zuzuwenden.

Kommentar von Kurt Kister

Nein, er ist nicht Don DeLillo, Philip Roth oder Thomas Pynchon, auch wenn er wie sie in amerikanischem Englisch schreibt. Anders als diese großen Autoren, von denen jeder auch den Nobelpreis verdient hätte, ist Bob Dylan kein Schriftsteller. Aber er ist ein Lyriker von höchsten Graden, ein Dichter, dessen Zeilen und Verse wenn nicht die Welt, so doch das Bewusstsein von Abermillionen Menschen verändert haben. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es keinen anderen Poeten gegeben, dem es so wie Dylan gelungen wäre, Träume, Hoffnungen, Verzweiflung so vieler Menschen so rätselhaft eindeutig auszudrücken und zu besingen.

Ein würdiger Nobelpreisträger? Ja, allemal, jeden Tag. Er ist der Poet des stetigen Wandels, er hat, manchmal mit introvertierter Rücksichtslosigkeit, seine vielen, zu unterschiedlichen Zeiten sehr unterschiedlichen Gemeinden immer wieder vor den Kopf gestoßen. Er ist nicht in Klischees zu fassen, denn the times they are a-changin'.

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Glaubte man, den Lederjacken-Hobo verehren zu können, wurde er Elektrorocker; wäre man bereit gewesen, mit ihm Maggie's Farm anzuzünden, wandte er sich Jesus zu. Seit Jahren ist er nun, der Sonnenbrillenschrat, auf niemals endender Tournee. Meint man, er könne nicht mehr singen, bringt er zwei Platten mit Liedern von Frank Sinatra heraus. Bob Dylan ist Held, Dichter und Leitfossil von zwei Generationen, deren ältere Angehörige schon seit mindestens 20 Jahren für immer jung bleiben wollen. Forever young, das ist Dylans Versprechen und Vermächtnis, es ist ganz sicher mindestens einen Nobelpreis wert.

Ein später Sieg für die 68er, ein Signal gegen neue Führer

Der Preis ist auch so etwas wie ein zu später Sieg jener, die sich gegen Autoritäten und Autoritäres auflehnten, die in den USA gegen Vietnamkrieg und Rassentrennung marschierten und die in Deutschland sich nicht mit dem Schweigen darüber abfinden wollten, dass die deutsche Kulturnation Millionen abgeschlachtet hatte. Dylan war der Dichter und der Barde der 68er, auch wenn er dies nicht sein wollte und es auch nur eine Facette seines öffentlichen Lebens ist. Er war nie "Protestsänger", aber seine Verse, seine Songs trugen entscheidend dazu bei, dass aus der Attitüde des Protests ein Lebensgefühl wurde, das bei vielen der damals 24-Jährigen anhält, mindestens aber nachhallt, auch wenn Masters of War mehr als 50 Jahre her ist.

Natürlich ist die Entscheidung der Nobelpreisjury mehr als nur die Würdigung des großen Lyrikers Bob Dylan. Sie ist, wieder einmal, ein Appell. Wenn sich eine Grundhaltung durch Dylans Schaffen zieht, dann ist sie in dieser Zeile aus seinem Subterranean Homesick Blues gefangen: Don't follow leaders, watch the parkin' meters - folge keinen Führern, pass auf, was die Parkuhren bedeuten.

In einer Zeit, in der sich nicht nur viele Amerikaner wieder hohl dröhnenden starken Männern zuwenden, in denen der Autoritarismus mit seinen Kontrollinstrumenten (Zäunen, Überwachung, Parkuhren eben) wieder modern wird - in so einer Zeit ist es gut, Bob Dylan, dem Individualisten der Individualisten, den Nobelpreis zu verleihen.

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