Literatur "Die Stadt wird dem gehören, der es am längsten hier aushält"

"Ihr habt Arbeit und wir nicht" - Graffiti an einer leerstehenden Fabrik.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Die späten Neunziger als Krisenherd der Gegenwart: Christian Bangel schaut in seinem Debütroman zurück auf ein gespaltenes Deutschland nach der Wende.

Von Friederike Oertel

Ostdeutschland Ende der Neunziger: Der 20-jährige Matthias Freier - von allen außer seiner Mutter nur Freier genannt - sitzt in seiner Platte, schaut auf Frankfurt an der Oder und sieht: eher keine blühenden Landschaften. Freier, der Protagonist in Christian Bangels Debütroman "Oder Florida", hat gerade das Abi gemacht, ist also zu jung, um von der DDR geprägt zu sein, aber alt genug, um auf Berliner Hinterhofpartys zu gehen oder nach Hamburg zu trampen. Beim Blick auf seine Stadt fragt er sich nun: Ist das jetzt der wilde, unberechenbare Osten? Oder doch nur unsanierter Plattenbau unter der Kontrolle von Neonazis?

Denn die rechte Szene hat sich nach dem Fall der Mauer rasant ausgebreitet. Platz war ja da in dem Vakuum, das der SED-Staat zurückließ, als sein Überwachungsnetz zusammenbrach. Neonazis ziehen also pöbelnd durch Frankfurts Straßen. Linke und Punks werden von ihnen systematisch auf Listen erfasst, eingeschüchtert und zusammengeschlagen - auch Freier und sein Kumpel, der Ex-Hausbesetzer Fliege. Überhaupt teilt die Stadt sich in zwei Lager. Auf dem Schulhof trägt man Aktenkoffer oder Bomberjacken und der Kampf um die Straße wird zum Kampf um die Köpfe. "Die Stadt wird dem gehören, der es am längsten hier aushält", prognostiziert Fliege.

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Freiers Eltern können ihm bei der Frage, wo er mit seinem Leben hin will, auch keinen Rat geben. Sie haben mit sich und der "neuen Zeit" zu tun. Die Mutter, früher Illustratorin, verdient ihr Geld jetzt in einem Callcenter an der Autobahn. Ihr Verlag ist ein Jahr nach der Wende geschluckt worden. Arbeit gibt's jetzt im Westen. Viele müssen deshalb Pendeln und die Autobahnen sind voller Ostdeutscher, die ihre Familien besuchen wollen. So wie Freiers Vater, der immer seltener zu Hause ist, weil er auf westdeutschen Baustellen arbeitet. Reisestullen im Gepäck. Trostlosigkeit in Ostgrau. Beschwingt erzählt allerdings, in einem Tonfall, der weder anklagt noch verklärt.

Damit macht Christian Bangel das Gefühl dieser Zeit greifbar. Ein Gefühl, das immer noch nicht ganz verschwunden ist. Bis heute. Denn auch 28 Jahre nach dem Mauerfall ist es vielen nicht möglich, dem Eindruck, abgehängt zu sein, in den neuen Bundesländern zu entkommen. Die vielen Protestwähler der vergangenen Bundestagswahlen zeugen davon.

Und doch ist da auch Hoffnung. Vielleicht sogar eine verquere Form von Aufbruch: Zusammen mit Fliege gründet Freier das Stadtmagazin "0335" und schafft es irgendwie, sich die Arbeit vom Bundesamt für Zivildienst als Wehrersatz anerkennen zu lassen. Später wird daraus eine PR-Agentur mit Sitz in einem alten Fabrikgebäude, das zugleich Club und Zentrum der linken Szene ist.

Und außerdem ist da so etwas wie Humor: Um das "Nazikaff" Frankfurt zu retten und wieder zu einer lebenswerten Stadt zu machen, will Fliege den SPD-Ortsverein durch einen organisierten Masseneintritt unterwandern. Er versteht die Stadt als seine Aufgabe - "Niemand anderes kann sie erfüllen. Wir werden diese Stadt retten". Das Wahlprogramm: Mehr Sonne für Frankfurt, ein gerechtes Klimaabkommen mit Afrika und "Schluss mit der Wetterapartheid".

Ein Vorhaben, das als halbabsurdes Gedankenspiel dahinplätschern könnte. Wäre die Situation nicht eigentlich zum Heulen. Denn während es der Mehr-Sonne-Slogan schafft, die Frankfurter zu mobilisieren und für wöchentliche Demos für besseres Wetter vors Rathaus zu holen, schauen sie ansonsten lieber weg und mischen sich nicht ein. Auch als Fliege krankenhausreif geprügelt wird. Längst ist das Entsetzen der Gleichgültigkeit gewichen. Selbst die Behörden kümmert der zunehmende Rechtsextremismus wenig. Warum musste er auch provozieren?

Was bleibt, ist die Angst. Freier verkriecht sich in seiner Platte und überlegt einen Plan B. Er ist Teil jener ostdeutschen Generation, die, lange bevor es jemanden interessierte, zwischen Einheitsfrust und gewonnener Freiheit einen eigenen Weg suchte - und schließlich Ende der Neunziger doch in einer dritten Wanderungswelle Richtung Westen abzog. Was bleibt, wenn genug junge, qualifizierte Menschen den Osten verlassen, ist viel Platz für Pegida und AfD.

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Doch auch in Hamburg wird Freier abgestempelt, stößt auf Vorurteile und Unverständnis: Man nennt ihn jetzt "Udo" - keine Namensverwechslung, sondern ein Akronym für "unser doofer Ossi". Außerdem muss er für einen Hungerlohn in einem Zoofachgeschäft schuften. Überhaupt reden die "Ossis" und die "Wessis" zwar viel übereinander, aber nicht miteinander. Den Rechtsextremismus nimmt man empört, aber letztlich gelangweilt zur Kenntnis. Was soll's? Dann fahren wir dort eben nicht hin. Es ist genau jene Zeit, in der sich Beate Zschäpe und der NSU bereits einnisteten.

Grauer Beton und Nazis im Osten, Kapitalismus und Vorurteile im Westen - all das kommt in Bangels Roman vor. Stereotyp oder herablassend wirkt es trotzdem nicht. Die Coming-of-Age-Thematik, aber auch der lässige Sound, gepaart mit Witz und Chuzpe, erinnert an André Kubiczeks "Skizze eines Sommers". Der Rückgriff auf den Osten als Raum der Möglichkeiten hat etwas von Thomas Brussigs "Beste Absichten" oder Michael Bertls "Drei für Moskau". Indem Christian Bangel den Blick zurück auf den Osten der späten Neunziger wirft und seine Geschichte an einem Schauplatz abseits von Berlin und Umgebung beginnen lässt, findet er eine neue, eigene Perspektive.

Denn Matthias Freier steht irgendwo zwischen den deutschen Kulturen. Seine Geschichte beschreibt das Lebensgefühl nach der Wende und legt jene vielschichtige Gemengelage offen, die den Riss zwischen Ost und West momentan wieder spürbarer macht. Es zeigt spielerisch und ohne dabei zu viel zu wollen, dass sich die Ossi-Wessi-Debatte 28 Jahre nach dem Mauerfall kaum verändert hat. Die Vorurteile sind dieselben unbrauchbaren Klischees. Damit ist "Oder Florida" vielleicht kein literarischer Geheimtipp, aber ein recht eindrückliches Zeitdokument in Romanform.

Christian Bangel: Oder Florida. Piper Verlag, München. 352 Seiten, 18 Euro. E-Book 13,99 Euro.