Lektüre zur Verhaftung Was Harvey Weinstein bei der Polizei liest

Hatte er Angst, dass es langweilig wird? Produzent Harvey Weinstein (Mitte) mit seinen Büchern auf dem Weg ins Präsidium.

(Foto: AFP)

Der Filmproduzent brachte zu seiner Verhaftung durch die New Yorker Behörden drei Bücher mit - ein Zeichen an die Öffentlichkeit?

Von David Steinitz

Als der Filmproduzent Harvey Weinstein am Freitag ins New Yorker Polizeipräsidium musste, um von dort aus dem Haftrichter vorgeführt zu werden, hatte er drei Bücher unter dem Arm. Das ging im Medienzirkus etwas unter, wirft aber doch einige Fragen auf. Zum Beispiel diese: Hatte er Angst, dass es langweilig wird?

Vermutlich eher nicht. Dem 66-Jährigen wird von mehreren Frauen sexuelle Belästigung und Vergewaltigung vorgeworfen. Die New Yorker Staatsanwaltschaft ermittelt aktuell in zwei Fällen gegen ihn, ihre Anklage ist die erste, weitere dürften folgen. Am Wochenende kam Weinstein zwar bis zum ersten Gerichtstermin im Juli auf Kaution frei; die nächsten Monate oder sogar Jahre dürften aus Sicht des einstigen Hollywoodmoguls aber eher verdrießlich werden. Weshalb man die Bücher, die er mit sich trug, durchaus als Zeichen an die Weltöffentlichkeit lesen könnte.

Ausgerechnet eine Biografie über Elia Kazan hat er dabei - den Verstoßenen von Hollywood

Bei dem schwarzen Buch, das keinen Titel auf der Rückseite trägt, handelt es sich vermutlich nur um einen Kalender. Aber bei den anderen beiden Werken, deren Titel man sich durch Ansicht der zahlreichen Pressefotos aus verschiedenen Perspektiven erschließen kann, wird man doch stutzig.

Das rote Buch in der Mitte ist eine Neuerscheinung: "Something Wonderful: Rodgers and Hammerstein's Broadway Revolution" von Todd S. Purdum. Eine Doppelbiografie des Komponisten Richard Rodgers und des Lyrikers und Dramatikers Oscar Hammerstein. Die beiden haben gemeinsam das moderne Broadway-Musical erfunden. Sie schufen Hits, die bis heute weltweit gut laufen, darunter "The Sound of Music" und "The King and I".

Das hellblaue Buch ganz oben ist schon etwas älter: "Elia Kazan: A Biography" von Richard Schickel. Die Lebensgeschichte des legendären Theater- und Filmregisseurs. Nur: Was wollte Weinstein ausgerechnet mit diesen beiden Werken demonstrieren? Die Musical-Biografie wirkt auf den ersten Blick wie eine nostalgische Flucht in die gute, alte Zeit der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Dazu muss man wissen, dass Weinstein neben Filmen wie "Pulp Fiction" und "Der englische Patient" auch einige Musicals produziert hat. Unter anderem war er an den Broadway-Adaptionen der Filme "Die Farbe Lila", "Der Elefantenmensch" und "Finding Neverland" beteiligt.

Die Zeitschrift Hollywood Reporter machte deshalb am Wochenende noch mal darauf aufmerksam, dass neben den diversen Missbrauchsermittlungen gegen Weinstein auch noch ein Verfahren wegen Betrugs aussteht, und zwar das Musical "Finding Neverland" betreffend: Weinstein hatte eine Firma namens Amfar Fundraising unterstützt, die sich vor allem der Bekämpfung des HI-Virus widmet. Aus diesem Unternehmen sollen Gelder veruntreut worden sein, um die Vorproduktion des Musicals zu finanzieren. Bereitet Weinstein sich etwa auf diesen separaten Prozess vor, indem er sich in die Geschichte des Broadways einarbeitet, die mindestens genauso viele Skandale aufzubieten hat wie Hollywood?

Noch merkwürdiger wirkt die Biografie über Elia Kazan. Der Regisseur gehörte bis in die Fünfzigerjahre zu den bedeutendsten Filmemachern Hollywoods. Er wurde sieben Mal für den Oscar nominiert für Filme wie "Die Faust im Nacken" mit Marlon Brando oder "Jenseits von Eden" mit James Dean.

Als die US-Regierung in den Fünfzigern gegen Kommunisten und "antiamerikanische Umtriebe" vorging, wurde neben vielen anderen Stars auch Kazan verhört. Und um seine eigene Haut zu retten, nannte er diverse Namen von Kollegen, die sich politisch links engagierten. Anschließend wurde er von der Hollywoodgemeinde als Verräter gebrandmarkt und verstoßen, jahrzehntelang galt er in Los Angeles als Persona non grata.

Will Weinstein damit andeuten, dass er keinesfalls allein für sexuellen Missbrauch unter den Stars verantwortlich gemacht werden und vor Gericht weitere Namen nenen will, um andere mit nach unten zu reißen? Manche Kommentatoren in der amerikanischen Unterhaltungsindustrie lasen die Kazan-Biografie als eindeutige Drohung an Hollywood. Oder hat er das Buch dabeigehabt, um zu signalisieren, dass der anstehende Prozess keinesfalls das Ende seiner Karriere bedeuten soll? Für Kazan, den Verstoßenen, gab es einst ein Happy End. 1999 folgte eine Aussöhnung mit der amerikanischen Filmakademie, die ihm einen Ehrenoscar für sein Lebenswerk zusprach. Sollte Weinstein aber wirklich glauben, dass auch ihm diese Auszeichnung eines Tages verliehen werden könnte, dann leidet er mittlerweile wirklich an Realitätsverlust.

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