Anklage gegen Filmproduzent Harvey Weinstein:Der König von Hollywood in Handschellen

Harvey Weinstein Turns Himself In After Sex Assault Investigation In NYC

Die Staatsanwaltschaft in Manhattan hat Harvey Weinstein wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung angeklagt.

(Foto: AFP)
  • Die New Yorker Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Filmproduzent Harvey Weinstein wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung.
  • In Gewahrsam muss er dank eines Deals mit der Staatsanwaltschaft vorerst nicht.
  • Sein Anwalt erklärt vor der Presse zudem erneut, dass Weinstein unschuldig sei.

Von Johanna Bruckner, New York

Gegen zehn Uhr am Freitagvormittag ist der Tag für Benjamin Brafman fast geschafft. Ein letztes Mal muss sich der New Yorker Staranwalt der Presse stellen, die vor dem New York City Criminal Court auf ihn wartet. Eine Stunde zuvor hat er den Reportern und Kamerateams Antworten zu seinem derzeit prominentesten Mandanten versprochen: Harvey Weinstein, 66, einst einer der mächtigsten Männer Hollywoods, heute Symbolfigur des systematischen sexuellen Missbrauchs, der jahrzehntelang in der Filmbranche stattfand. Gegen Weinstein wird mittlerweile über die USA hinaus ermittelt, die New Yorker Staatsanwaltschaft ist die erste, die nun Anklage erhebt: Sie wirft Weinstein Vergewaltigung in einem Fall und sexuellen Missbrauch in einem anderen vor.

Nach der offiziellen Verlesung der Anklage vor Gericht ist es dann soweit. Brafman tritt wie versprochen vor die Mikrofone. Obwohl es noch früher Vormittag ist, steht die Sonne schon hoch über Manhattan, das Thermometer hat die 20-Grad-Marke überschritten. Brafman, im dunklen Anzug, das silberne Haar zurückgekämmt, scheinen die Temperaturen genauso wenig etwas auszumachen wie die Fragen, die ihm entgegengeschleudert werden. Wie es Mr. Weinstein gehe, will ein Reporter wissen. "So gut, wie man das bei jemandem erwarten kann, der eines Verbrechens beschuldigt wird, das er vehement bestreitet", sagt sein Verteidiger.

Wenige Minuten zuvor hatte er vor dem Richter zu Protokoll gegeben, dass sich sein Mandant zu Unrecht beschuldigt fühle. Er plädiere auf "nicht schuldig". Und Brafman deutete bereits an, in welche Richtung seine Verteidigung gehen wird. "Mr. Weinstein hat die Besetzungscouch in Hollywood nicht erfunden", erklärte er dem Richter. Sein Job als Anwalt sei es nicht, bestimmte Verhaltensweisen zu verteidigen, so Brafman - bei seinem Job gehe es um kriminelles Verhalten.

Ähnlich selbstbewusst und siegesgewiss gibt sich Brafman auch vor den Journalisten. Während er Rede und Antwort steht, verteilt ein Assistent Zettel mit dem offiziellen Statement der Kanzlei zum Fall Weinstein. Es endet mit dem Satz: "Mr. Weinstein ist zuversichtlich, dass er vollständig entlastet werden wird."

Brafman hat Erfahrung mit prominenten Klienten und medienwirksamen Fällen: Er verteidigte Mitte der 2000er Jahre den verstorbenen "King of Pop" Michael Jackson gegen Vorwürfe des Kindesmissbrauchs. Zu seinen ehemaligen Klienten zählt außerdem Dominique Strauss-Kahn, der frühere Chef des Internationalen Wähhrungsfonds. Strauss-Kahn war wegen versuchter Vergewaltigung angeklagt. Ein Fall, der eine gesellschaftliche Debatte um strukturellen Sexismus ausgelöst hat, ist allerdings auch für Brafman neu. Sein Mandant steht symbolisch für die Diskussion um Grenzen - und Grenzüberschreitungen. Umso wichtiger ist für Brafman das öffentliche Bild, das Weinstein in den kommenden Wochen und Monaten vermittelt.

Dass sich Weinstein gegen 7.30 Uhr am frühen Freitagmorgen freiwillig in Polizeigewahrsam begeben hatte, dürfte Teil von Brafmans Verteidigungsstrategie sein. Und vermutlich war es auch kein Zufall, dass Weinstein drei Bücher unter dem Arm trug, als er das Polizeirevier in Lower Manhattan betrat. Darunter eine Biografie des 2003 verstorbenen Regisseurs und Filmproduzenten Elia Kazan. Seine Filme gewannen insgesamt 21 Oscars - doch Kazan galt in Hollywood seit den 1950er Jahren als Paria, nachdem er mehrere Kollegen als Kommunisten, also Staatsfeinde an die McCarthy-Regierung verraten hatte.

Vielleicht spürt Weinstein eine Verbundenheit zu dem ebenfalls von der Branche verstoßenen Kazan. Vielleicht war das Ganze nicht mehr als ein Ablenkungsmanöver. Weinstein weiß schließlich genauso wie sein Anwalt, wie sich mediale Aufmerksamkeit lenken lässt.

"Harvey!", brüllen die Reporter. Doch Weinstein schweigt

Und die US-Presse kennt an diesem Tag kaum ein anderes Thema als Harvey Weinstein. Als er im Polizeirevier seine Fingerabdrücke abgeben muss, warten vor dem Gericht ein paar Blocks entfernt schon die Reporter. Dabei ist längst klar, dass der Termin dort wenig Neues bringen wird. Dass Brafman einen Deal mit der Staatsanwaltschaft ausgehandelt hatte, um seinem Mandanten vorerst das Gefängnis zu ersparen, war bereits durchgesickert. Die Bedingungen: Weinstein wird gegen ein Pfand von einer Million Dollar bis zum Prozess entlassen, er muss eine Fußfessel tragen und darf nur innerhalb der Bundestaaten New York und Connecticut reisen, seinen Pass muss er abgeben.

Um kurz vor neun gerät die Traube an Kameraleuten und Fotografen vor dem Gericht plötzlich in Aufregung. "Er ist unterwegs", ruft eine Journalistin ihrem Kollegen zu. Als Weinstein in einem schwarzen SUV vorfährt, klicken wie schon vor dem Polizeirevier Dutzende Kameras. Er wird flankiert von mehreren Polizisten ins Gebäude geführt, trägt trotz sommerlicher Temperaturen ein weißes Hemd, darüber einen hellblauen Pullover und ein dunkles Jacket. "Harvey!" brüllen die Reporter. Doch Weinstein schweigt. Seine Hände sind mit Handschellen auf dem Rücken fixiert.

Der gefesselte Harvey Weinstein - es ist das Motiv des Tages. Ein Fotograf freut sich, dass er es noch vor dem dunklen SUV vom Polizeirevier zum Gericht geschafft hat. Leihfahrrad sei Dank. Ein Kollege kommt zu spät und ist so in Eile, dass er es zunächst gar nicht bemerkt: Hektisch lässt er sich von seiner Assistentin eine Leiter reichen, um mit seiner Kamera einen besseren Blick zu haben - doch da ist Weinstein bereits seit ein paar Minuten im Gerichtsgebäude verschwunden. Mehr als das Auto, dem er entstiegen ist, gibt es nicht mehr zu sehen.

Die Presse war da, als sich Weinstein stolz auf den roten Teppichen zeigte, mit namhaften Schauspielerinnen und Schauspielern posierte. An diesem Freitag im Mai dokumentieren sie das Ende des Königs von Hollywood. Nach dem Gerichtstermin wird Weinstein über einen Hinterausgang weggebracht. Das Reden überlässt er vorerst seinem Anwalt. Bis zum kommenden Mittwoch muss er sich entscheiden, ob er im Prozess eine Aussage machen will.

"Equal and exact justice to all men of whatever state or persuasion", steht über dem Eingang des Gerichtsgebäudes in Manhattan eingraviert. Gleichheit vor dem Gesetz, kein Promi-Bonus für den gestürzten Filmmogul im anstehenden Prozess - darauf hoffen jetzt Weinsteins mutmaßliche Opfer.

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