Kunst von Frauen Wie ein Schluckauf

Jahrelang war an ihrer Gesichtslosigkeit nichts zu ändern, heute hat Kunst von Frauen Konjunktur. Ein Abonnement auf Fortschritt ist das nicht, denn alte Vorurteile bleiben. Vielmehr geht es um die Frage, wo die Männerkartelle tatsächlich aufgebrochen werden können.

Von Catrin Lorch

Die Ausstellung war groß, der Titel eine Ansage: "Künstlerinnen International" vereinte im Jahr 1977 die Kunst von insgesamt 265 Frauen im Berliner Schloss Charlottenburg, unter ihnen Valie Export, Hannah Höch, Meret Oppenheim und Ulrike Rosenbach. Ein Versuch, nach amerikanischem Vorbild die Dominanz der Männer in der Kunstgeschichte aufzubrechen, erstmals in Europa. Und die Reaktionen waren heftig. Zur Pressekonferenz parkten die Übertragungswagen von ARD und ZDF die Einfahrt zu. Nach tausend Ausstellungen mit der Kunst von Männern, so erinnert sich eine der Kuratorinnen, Silvia Bovenschen, gab es "mal eine, wo nur Werke von Frauen dabei sind, und dann gibt's einen Aufstand".

Zudem hagelte es Kritik von allen Seiten. Mit dem Slogan "Jede Frau ist eine Künstlerin" stürmten Feministinnen die kuratierte Auswahl. Die Kunstszene fragte indes irritiert nach ästhetischen Kriterien. Aber noch irritierender sei es in der Rückschau, so Bovenschen, wie schnell alles wieder vergessen wurde. Viele der Beteiligten hätten die kontroverse Schau nicht einmal in ihren Biografien erwähnt. Was laut Bovenschen "die Geschichte der weiblichen Geschichtslosigkeit" bestätigt: "Es ist wie ein Schluckauf, es ist nichts zu machen."

Doch es könnte sein, dass diese Ausstellung zu einem Gradmesser wird für den Stand der Dinge. Dass sich daran ablesen lässt, wie viel sich seitdem verändert hat. Das jedenfalls legt das Interview nahe, das die Künstlerin Michaela Melian mit Silvia Bovenschen und Sarah Schumann geführt hat, einer Malerin, die damals auch zu den Organisatoren gehörte. Das Gespräch mit beiden, erweitert um ein Videobild, das sie kontemplativ und selbstsicher für die Dauer einer Zigarettenlänge zeigt, wurde als Installation zum Gallery Weekend in Berlin präsentiert.

In der aktuellen Ausgabe der deutschen Frieze werden Teile des Gesprächs nachgedruckt und einem Interview mit drei Künstlerinnen, die dem feministischen Netzwerk "ff" angehören, gegenübergestellt. Fazit? "Es gibt kein Abonnement auf Fortschritt. Selbst das, was schon erreicht wurde, kann unter verengten ökonomischen Bedingungen ganz schnell wieder zurückgenommen werden", sagen die Älteren, "da gibt's keine gesicherten Pfründe."

Gesicherte "Pfründe" einer jungen Generation

Michaela Melian, Jahrgang 1956, schlägt sich mit einem "Unbehagen" der Szene am Begriff Feminismus herum - die Arbeit entstand ursprünglich für eine Züricher Gruppenschau mit dem Titel "The F-Word" - während Juliane Solmsdorf, geboren 1977, bei Katharina Sieverding an der UdK studierte, wo selbstverständlich Theoretikerinnen, Post-Colonial- und Gender-Studies auf dem Lehrplan standen. Die Frage, so formuliert es Antje Majewski, sei doch, ob es das vorrangige Ziel sein kann, "Frauen aus der Unsichtbarkeit in den offiziellen Kunstbetrieb reinzuhieven", statt gleich "eine andere Art von Kunstproduktion auf die Beine zu stellen", wie Mathilde ter Heijne insistiert: "Dann brauchen wir kein MoMA und keine Hohepriester mehr."

Das ist eine interessante Volte, vor allem in diesem Moment, wo Frauen tatsächlich in die Kunsthistorie einziehen, nicht nur in die unzähligen Künstlerinnengeschichten, die beispielsweise im Goldsmith College in London in einer Spezial-Bibliothek verwahrt werden. Kunst von Frauen, vor allem auch älteren, hat Konjunktur: Gerade teilte die Kunstbiennale von Venedig mit, dass dieses Jahr beide Goldenen Löwen für das Lebenswerk an Frauen gehen: an die 1931 geborene Italienerin Marisa Merz und die Österreicherin Maria Lassnig, 93 Jahre alt. Letztere wird nach zahlreichen Retrospektiven in Europa im kommenden Herbst mit einer Einzelschau im MoMA PS1 geehrt, während das MoMA einen Monat später der Bildhauerin Isa Genzken eine Retrospektive einrichtet.

Hat das alles mit einem Einsehen des Establishments zu tun? Es gilt hier wohl auch die Erkenntnis, dass nicht die Vorurteile sterben, sondern ihre Anhänger. Die Männerriegen, die Bünde der Meistermaler und ihrer genialen Vermarkter kommen in die Jahre, während junge Galerien um die Kunst der 1929 geborenen rumänischen Konzeptkünstlerin Geta Bratescu oder der Autodidaktin Carol Rama, 1918 in Turin geboren, bei Sammlern und Biennale-Kuratoren genauso werben wie für Akademie-Absolventen. Und die jüngste Generation von Museumsdirektoren hängt ohne viel Aufhebens das in die Ausstellungen, was jahrelang höchstens angekauft wurde, um ungezeigt im Depot zu schlummern - wie Mary Bauermeister, ehemalige Lebensgefährtin von Karlheinz Stockhausen, einmal klagte.

Im Kölner Museum Ludwig, wo Andrea Fraser in diesem Jahr den Wolfgang-Hahn-Preis erhielt, eröffnet Philipp Kaiser kommende Woche eine erste Gesamtschau der 1929 in Seattle geborenen Malerin Jo Baer, die anschließend ins Stedelijk Museum wandert. Und im Münchner Lenbachhaus bespielt Matthias Mühling mit großer Selbstverständlichkeit Saalfluchten mit der Kunst von Monica Bonvincini und Angela Bulloch, Rosemarie Trockel, Valie Export und Katharina Sieverding. Anders als in der Literatur oder der Musik sind das die gesicherten "Pfründe": Weil jedes Bild und jedes Video ein Argument ist und bleibt.